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Soziologie und Anthropologie der Sinne 

Tagung der Sektion Kultursoziologie am 11. und 12. Juni 1999 in Göttingen 
 

Zur „Soziologie und Anthropologie der Sinne“ veranstalteten Jens Loenhoff (Essen) und Joachim Fischer (Göttingen/Dresden) am 11.- 12. Juni 1999 in Göttingen eine Tagung, deren Fokus inspiriert war durch die von Konrad Thomas (Göttingen) langjährig geleitete Ad-hoc Gruppe ‚Philosophische Anthropologie und Soziologie‘ in der DGS, die inzwischen neben den ‚Cultural Studies‘ auch offiziell das Theorienangebot der Kultursoziologie anreichert. Zugleich war es die erste Tagung der Sektion unter der Ägide des neuen Sektionssprechers Wolfgang Eßbach (Freiburg). 

Fischer und Loenhoff konstatierten in ihrer Einführung ‚Die Sinne und die Soziologie‘ eine „Sinnenvergessenheit“ der Soziologie zu Beginn ihrer Fachgeschichte, die zwei Gründe habe. Zum einen habe die Soziologie in ihrer Grundlegung sehr hoch angesetzt, aus der Tradition der Bewusstseinsphilosophie, bei Durkheim mit der „Norm“, neukantianisch bei Weber und Simmel mit der „Sinn“- oder „Wert“-bezogenheit sozialen Handeln oder den „Formen“ sozialer Wechselwirkung. Dieser cartesianischen Abschottung der Leitkategorien soziologischer Theoriebildung von der Physis, der organischen Leibkörperlichkeit, die sich in der Theorie des sprachkommunikativen Handelns oder der Theorie sozialer Sinn-Systeme modifiziert fortsetze, habe ihre Entsprechung gehabt - der andere Grund - in der philosophischen Übereignung des Materiell-Stofflichen, der Sinne, an die Naturwissenschaft, speziell die Sinnesphysiologie und -psychologie, die die Thematisierung der Sinne stark naturalisiert oder psychologisiert habe, wodurch sie gleichsam aus der Rekonstruktion menschlicher Vergesellschaftung herausgefallen seien. Im Gegenzug hätten nun zwei Gründe doch dazu geführt, dass sich ein „Sinnenbewusstsein“ in der Soziologie entwickeln konnte. Ein Grund läge in der Philosophie seit Beginn des 20. Jahrhunderts, die v.a. in Gestalt der Lebensphilosophie die niederen Kategorien gegenüber den höheren ins Recht gesetzt habe und durch die phänomenologische Erschließung der Sinne als materiales Apriori (Plessner, Buytendijk, Straus, H. Jonas, Merleau-Ponty etc.) die Sinne überhaupt in eine für die Soziologie anschlussfähige Form gebracht habe. Der lebensphilosophische Einschlag habe bereits Simmel seinen inspirierenden ‚Exkurs zu einer Soziologie der Sinne‘ ermöglicht. Umgekehrt sei es parallel zu einem Herabstieg der Soziologie gekommen, sie habe die Sinne als eine nicht selbstverständliche, sondern als eine geschichtlich sich modifizierende Größe entdeckt, indem Ethnologie, Ästhetik, Pädagogik und Medientheorie Aspekte des Leiblichen ins Spiel gesetzt hätten. Das Heruntersteigen der Soziologie in aisthetische Momente und das phänomenologische Hochfahren der Sinne führe zu einem Moment der Berührung, der die „Soziologie und Anthropologie der Sinne“ als einen fruchtbaren Moment der Kultursoziologie zu thematisieren gestatte. 

Der Gedankengang der Tagung wogte diskursiv hin und her zwischen den Beiträgen, die eher von der Soziologie auf die Sinne zukamen, und denen, die eher eine Anthropologie der Sinne der soziologischen Theoriebildung zuschießen wollten. So lassen sich zwei Reihen von Beiträgen unterscheiden. 

Jens Loenhoff (Essen) eröffnete die Reihe derer, die innerhalb einer Soziologie der Sinne vom Zentrum des Interaktiven auf die Peripherie der Sinne zufragten, indem er auf die Frage nach der „Genese des Modells der fünf Sinne‘ eine dezidiert interaktionistische Antwort gab. Der Ursprung der „Rede von den ‚5 Sinnen‘“, die Weitverbreitung dieses Modells, sei nicht etwas in einer Biologie der Wahrnehmung fundiert, sondern entstamme soziologisch aufklärbar dem kommunikativen Gebrauch der Sinne. Das „System“ der fünf Sinne beruht nicht darauf, dass diese Sinne sich in ihren Funktionen vollständig ergänzten und die gesamte Wahrnehmung abdeckten, sondern funktioniert als eine soziale „Formvorgabe“, als elementares Zeigemodell für die pragmatische Organisation von Sinneserfahrungen in kommunikativer Vergemeinschaftung. Im Alltag, bereits in der kindlichen Sozialisation, zeigen Menschen auf Augen, Ohren, Nase, Zunge und Hand und organisieren auf diese Weise zwischenmenschlich Sinneserfahrungen.  

Wie die sozio-kulturelle Sprachpraxis die Welt „berühren“ könne oder zu „Sinnesdaten“ käme, war die Frage von Joachim Renn (Erlangen) aus einer sprachpragmatischen Perspektive, die er mit der These von der „Metaphorizität deskriptiver Sprachhandlungen“ beantwortete. Gegen das repräsentationistische Modell, nach der die Welt als Gesamtheit der sinnlichen Tatsachen, die der Fall sind, in der Sprache als neutralem Medium zu protokollierter Darstellung gelangten, habe die Pragmatik den Primat der Sprache als sozialer Praxis demonstriert, in deren Regeln die Teilnehmer samt ihren Wahrnehmungen eingesponnen seien: die Bedeutung der sprachlichen Ausdrücke hänge vom öffentlichen Gebrauch ab. Unter diesen Voraussetzungen sei der Bezug jeweiliger Sprechakte auf Sinneseindrücke nur als eine „metaphorische Übersetzungsleistung“ zu verstehen: Die Sprecher nähmen auf „etwas“ - auf innere und äußere Gegenstände - Bezug und sagten im „metaphorischen“ Zeigen zugleich, dass das, worauf sie sich beziehen, sich nicht darstellen ließe. 

Dezidiert beobachtete Andreas Ziemann (Essen) durch Luhmanns Systemtheorie hindurch die Sinne von der Gesellschaft aus. In einer reflexiven Soziologie mit ihren Unterscheidungen von System/Umwelt sowie Interaktion/Gesellschaft beobachten die kommunikativen Systeme gleichsam selbst die „perspektive Konstitution und Strukturierung von Interaktionssystemen“. Dabei differenziert die Systemtheorie das Verhältnis zwischen einfachen Kommunikationssysteme, Bewusstsein und Sinnesleistungen in folgenden Ebenen: die sinnliche Wahrnehmung von Kommunikation, die sinnliche Wahrnehmung durch Kommunikation, die reflexiv sinnliche Wahrnehmung von Wahrnehmungen. Diese Varianten fungieren gleichermaßen als infrastrukturelle Ressource der interaktiven Systembildung wie auch als systeminterner „Sicherheitsspender“ unter Anwesenden. Demgegenüber sind  Organisationen und ausdifferenzierte Funktionssystem an emergenten Eigenlogiken der Sinnselektivität orientiert und greifen nur höchst selektiv auf Sinnes- und Körperressourcen zurück. 

Noch einen Schritt radikaler verankerte Gesa Lindemann (Frankfurt a. M.) als „Akteur-Institutionen-Paradox“ den Zugang zu den Sinnen im Schwerpunkt sozialer Systeme: für sie gilt die „Unmöglichkeit, naturale Akteure vorauszusetzen“. Weder können soziale Systeme naturale Akteure als Befund „voraussetzen“, noch können sie sie im voraus, d.h. im Vorhinein „setzen“ bzw. erzeugen. Naturale, wahrnehmende Akteure erscheinen demnach nur durch historisch variable Anerkennungsakte bzw. durch „kontingente Grenzziehung“ seitens der gesellschaftlichen Systeme. Für die These, dass historisch variabel Gesellschaften Leiblichkeit zusprechen oder absprechen, per systemischer Kommunikation entscheiden, wen sie zur Sozialität rechnen, wen nicht, rekurrierte Lindemann einerseits auf frühneuzeitliche kirchliche und säkulare Tierprozesse, in denen u.a. Doggen als schuldfähige Akteure behandelt wurden, andererseits auf neuere klinische Todeskonzeptionen, in der die Weise, den Tod festzustellen und den sozialen Akteursstatus abzusprechen, erneut die Kontingenz der Grenzziehung des Sozialen gegenüber dem Naturalen demonstriere. Die Qualifikation, wer ein Leib sein kann, sei historisch determiniert. 

Die andere Reihe der Vorträge, die die Soziologie der Sinne als eine Ästhesiologie des Sozialen entfalteten, markierte programmatisch Joachim Fischer (Göttingen), indem er die konstitutive Leistung der Differenz der Sinne (mit Plessner, Simmel, Straus, H. Jonas u.a.) stark zu machen suchte. Tasten, Sehen und Hören usw. sind demnach je inkommensurabel hinsichtlich der Weise (Modalität), wie sie sinnlich Gegebenes herankommen lassen, und stiften insofern jede für sich auf je eigene Weise das sinnhafte Selbst-, Welt- und Sozialverhältnis. Steuert man von der Differenz der Sinne auf das Soziale zu, konstituiert sich Gesellschaft je nach dem anders, ob sie sich im Modus des distanzstrahligen Sehens oder im Modus des resonanzgebundenen Hörens, des Beobachtens und Handelns oder des Vernehmens und Tanzens, ob sie aus dem Geiste der Geometrie oder dem Geiste der Musik sich arrangiert, und Gesellschaften extremisieren oder balancieren diese und andere Modi des sinnlich-sinnhaften sozialen Kontaktes je verschieden. Diese Differenz-„Ästhesiologie des Geistes“ (Plessner), die eine minimale positive Anthropologie darstellt, bildet ein Maß auch für die soziologische Theoriebildung, vor dem sich die Thematisierung der Gesellschaft im Bild sich „beobachtender“ kommunikativer Systeme als selektiv erweist. 

Ebenfalls dezidiert von Plessners Ästhesiologie der Differenz der Sinne her argumentierte Jürgen Freese (Bielefeld). Er verknüpfte Plessners Auffassung der Sinne als Modi anschaulicher Akkordanz von Haltung (Körperleib) und Auffassung/Sinngebung (Geist) mit der aristotelischen Ersetzung eines obskuren „inneren“ sechsten Sinnes durch die Koordination (symphonia) der fünf „äußeren“ Körpersinne. Dieser Tradition musikalischer Metaphorik in der Anthropologie (Aristoteles, Kant, Plessner) folgend konstruierte Frese die Opern-Aufführung als komplexes Modell des Zusammenspiels von Bildern, Gefühlen, Sätzen und Ausdrucksbewegungen im Erleben. Dieses Modell bedarf allerdings einer entscheidenden Amputation: es muss ohne Hierarchie und Hegemon gedacht werden. In dieser Figur eines konserativen An-archismus ließ Frese die Thematik einer politischen Ästhesiologie anklingen. 

Helmut Staubmann (Innsbruck) plädierte in seinem Vortrag ‚Vom Sinn zur Sinnlichkeit sozialer Handlung? ‚Aisthetik‘ und die grundbegrifflichen Aprioris der Soziologie‘ für die systematische Rehabilitierung der Aisthesis/Ästhetik in den Grundbegriffen der Soziologie. Zwischen dem anti-ästhetischen Affekt der klassischen Soziologie mit ihren Grundbegriffen der (objektiven) Norm bzw. Rationalität einerseits und dem pan-ästhetischen Gegenzug der Postmoderne, die die Gesellschaft als ästhetisch statt als rational konstituiert begreife, greife eine „soziologische Aisthetik“, welche, an Baumgarten anknüpfend, die sinnlich-emotionale Dimension in ihrer „Querlage“ zur Subjekt/Objekt-Differenz (Kultur), zur I/Me-Differenz (Identität) und zur Mikro-/Makroebene (Soziales) systematisch anzusprechen vermöge. 

Fallbezogen führte Anna Sigrid Friedreich (Göttingen) diese aisthesiologische Revision der soziologischen Grundbegrifflichkeit als „Studie über das Weinen“ oder über die soziale Ohnmacht vor. Vermittels einer minutiös beschriebenen sozialen Situation, in der im Copyshop ein abgabeüberfälliger Examenskandidat  durch den „offenen“ Blick der Angestellten ins Weinen stürzt, bereitete sie Körper-Theoreme von Plessner und Leib-Theoreme von Schmitz wechselseitig korrigierend auf, um dann mit dem „Blick als Auslöser personaler Regression“ eine elementare Soziologie des Weinens anzusteuern. 

In seinen Darlegungen zu ‚Cyborg und Cyber-Sensorien. Zur elektronischen Substitution der Sinne‘ versuchte Dierk Spreen (Berlin) durch materialistische Bewusstheit seines diskursanalytischen Zugriffs dem „Spiegelspiel der Texte des Körpers“ zu entkommen. Zwischen dem medientheoretischen Diskurs, der analog zum Paradigma der Schrift die biotechnisch sinnliche Aufrüstung des menschlichen Körpers als dessen totale künstliche Vermitteltheit (Cyborg) konstatiert, und dem komplementären Authentizitätsdiskurs eines intakten eigenleiblichen Spürens sieht Spreen Plessners „negative Anthropologie“ als geeignetes theoretisches Konzept. Da Plessner nicht Geist gegen Körper, aber auch nicht Leib gegen Körper ausspiele, sondern den Menschen als „Körperverhältnis“ thematisiere, könne man mit ihm den Menschen als „hybrides Dispositiv“ sehen, in dem sich artifizielle Operationen und körperlich-leibliche Manifestationen verschränken.  

So zeigte sich auf der ganzen Tagung, dass Plessners Grundbegriff der Philosophischen Anthropologie - „exzentrische Positionalität“ - die Ausdifferenzierung der beiden Beitragsreihen erlaubte, ohne dass sie auseinander fielen: das Phänomen der Sinne als „positionale“ Momente von der Exzentrizität, d.h. der (sozialen) Konstruktion aus in den Blick zu nehmen, wie umgekehrt die Anlehnung der  Konstruktionen an das „Positionale“ von den Sinnen aus zu thematisieren.  
 

  
Joachim Fischer/Jens Loenhoff 

 
 

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