| . | . | DGS Sektion kUltursoziologie |
| . |
Berichte | |
| . |
Bericht über die Jahrestagung der Sektion Kultursoziologie zum Thema:
“Potsdamer
Platz -
Vom 13. bis 15. September 2001 in Berlin.
Eine Erprobung verschiedener kultursoziologischer Perspektiven und Methoden am gemeinsamen Gegenstand Potsdamer Platz war das Ziel des von Joachim Fischer (Dresden) und Michael Makropoulos (Berlin) organisierten Themenseminars im Rahmen der diesjährigen Jahrestagung der Sektion. Damit knüpfte die Tagung an den im Laufe der Sektionsarbeit der letzten Jahre erreichten Stand der Diskussion um die Frage nach dem Schicksal der bürgerlichen Kultur und nachbürgerlicher Vergesellschaftungsweisen an. Der in der Soziologie übliche Theorienvergleich, so die Idee Fischers, sollte bei dieser Tagung nicht abstrakt, sondern bezogen auf den Fall Potsdamer Platz als brisantem soziokulturellem Artefakt durchgeführt werden. Die modernitätstheoretische Einsicht, so Makropoulos, daß mögliche Gegenstände und theoretische Perspektiven der perspektivitätsbedingten Differenz und sogar Unvereinbarkeit nicht entgehen, könne über methodologische Ausarbeitungen hinaus auch am Potsdamer Platz als prototypischem Ort der Moderne verhandelt werden. Der Gegenstand Potsdamer Platz sei aufgrund seiner vielschichtigen kultursoziologischen Deutungsmöglichkeiten für die verschiedensten Ansätze thematisierbar. Zugleich biete er durch die sich in ihm verschränkenden historischen, politischen, mythischen und ästhetischen Aspekte die Chance, an den empirischen Befunden und über sie hinaus zu zeitdiagnostischen Fragen vorzudringen. Dieses Programm fand auch seinen Ausdruck in der Organisationsform des Themenseminars, bei dem die Diskussion von vornherein auf Synthese angelegt war und der Vorstellung sämtlicher Referate folgte. Den Auftakt der Jahrestagung bildete am Vormittag des 14.9. die Mitgliederversammlung der Sektion mit den Berichten des Sprechers und aus der Sektion sowie die Vorausplanung für das kommende Jahr. Daran schlossen sich zwei themenoffene Präsentationen an, nachmittags folgte das Themenseminar. Am Vormittag des 15.9. schließlich vertieften Vorträge zu Einzelfragen von erlebten und städtischen Räumen die Diskussionen des Vortags. 1. Mitgliederversammlung Die Mitgliederversammlung der Sektion begann mit einem Bericht von der Mülheimer Tagung „Populäre Kultur als Repräsentative Kultur“ (15.-17. Juni 2001), die als Fachtagung der Sektion in Kooperation mit dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen ausgerichtet worden war (vgl. den Bericht in der So ziologie ...). Der Sprecher Wolfgang Eßbach wies im Vorstandsbericht auf das starke Interesse an der Arbeit der Sektion hin, welches sich im wachsenden Mitgliederstand niederschlägt, aber auch in den Anmeldungen für die aktuelle Tagung (60); für das Jahr 2000 sind 15 Neuaufnahmen zu verzeichnen, womit die Zahl der Mitglieder die 100 überschreitet. Weiterhin besteht Bedarf an thematisch offeneren Veranstaltungen, um einer Vielzahl von Interessierten, deren Arbeitsbereiche nicht immer unter die Themenschwerpunkte der Tagungen zu subsumieren sind, die Aufnahme in die Sektion zu ermöglichen. Schließlich wurde auf die neue Edition „Kultur, Theorie, Gesellschaft“ im Ergon-Verlag, Würzburg, hingewiesen (hg. von Clemens Albrecht, Hannelore Bublitz, Winfried Gebhardt, Andreas Göbel und Alois Hahn), sowie auf zwei Neuerscheinungen, die aus der Arbeit der Sektion hervorgehen: Plessners ‚Grenzen der Gemeinschaft’. Eine Debatte, Suhrkamp, (hg. Wolfgang Eßbach, Joachim Fischer, Helmut Lethen) und Technologien als Diskurse. Konstruktionen von Wissen, Medien und Körpern, Synchron-Verlag, (hg. Andreas Lösch, Dominik Schrage, Dierk Spreen, Markus Stauff). Für das Jahr 2002 sind zwei Sektionstagungen geplant, die Fachtagung zur „Theorie der Massenkultur“ in Paderborn (Planung Hannelore Bublitz/ Michael Makropoulos) sowie die Veranstaltung der Sektion beim Soziologiekongreß „Entstaatlichung und soziale Sicherheit“ in Leipzig. Das Programm der Fachtagung „Theorien der Massenkultur“ wird in den nächsten Wochen auf der Homepage veröffentlicht; das Thema der Sektionsveranstaltung beim Soziologiekongreß wurde nach kurzer Diskussion davon abhängig gemacht, ob und welche Vorschläge der Sektion für Plenarveranstaltungen vom Vorstand der DGS berücksichtigt werden können. Im Gespräch war die Frage nach dem Zusammenhang von Bildung und Entstaatlichung sowie eine historische Perspektivierung der Rolle des Staates in der europäischen Kultur. 2. Themenoffene Präsentation In seinem Referat „Europäische Integration und kulturelle Ausprägung - das Beispiel Griechenland“ wies Angelos Giannakopoulos (Tübingen) darauf hin, daß Europa zum einen als eine Wertegemeinschaft postuliert werde, deren Erbe verwaltet werden solle, daß zum anderen aber keine einheitlichen lokalen Deutungs- und Bezugssysteme vorhanden seien, die eine starke, „primordiale“ europäische Identität stützen könnten. Giannakopoulos argumentierte, daß der Versuch, im Zuge der politischen und ökonomischen Integration konsensual fundierte europäische Identitätsmodelle festzuschreiben, gefährlich sei, da auf lokaler Ebene xenophobe Tendenzen gestützt werden könnten. Deshalb müsse von einer statischen, auf Abgrenzungen beruhenden Identitätskonzeption, der Individuen durch Verortung zugerechnet werden, Abstand genommen werden. Giannakopoulos sprach sich dafür aus, europäische kulturelle Identitäten nicht zu planen, sondern als etwas zu verstehen, das aus einem planvoll geregeltem Konfliktalltag in nichtplanbarer Weise entstehen könne. Rainer Diaz-Bone (Hannover) wies bei der Vorstellung seiner „diskurstheoretischen Untersuchung der lebensstilbezogenen ‚Wertigkeit’ von Popmusikdiskursen“ auf eine Leerstelle in der Theorie Pierre Bourdieus hin: Die ‚Wertigkeit’ kultureller Güter könne zwar feldtheoretisch als croyance, als Geltung symbolischer Kapitalien formuliert werden; aus sozialstruktureller Perspektive müsse aber die Ordnung der (kulturellen) Artefakte als vollständig auf der Sozialstruktur abbildbar gedacht werden. Am Beispiel von Heavy Metal- und Techno-Diskursen verdeutlichte Diaz-Bone seinen Vorschlag, eine empirische Untersuchung der Semantik kultureller Genres mit der sozialstrukturellen Perspektive Bourdieus zu vermitteln und den Zusammenhang sozialer Kollektive und kultureller Genres diskurstheoretisch zu erweitern. Statt den Diskurs wie bei Bourdieu nur als positionsbezogenes Sprechen aufzufassen, müsse in der Semantik der Genres selbst ein „diskursives Ethos“ aufgesucht werden, müsse es möglich sein, die „Kulturwelten der Genres“ in relativer Eigenständigkeit gegenüber sozialstrukturellen Sprecherpositionen empirisch zu erschließen. 3. Themenseminar „Potsdamer Platz - Theoretische Perspektiven zur Kultursoziologie eines Ortes der Moderne“ Die Kernidee des bereits seit längerer Zeit geplanten Themenseminars sah die Erschließung eines gemeinsamen Gegenstandes aus verschiedenen theoretischen Perspektiven vor. Die Diskussion um kultursoziologische Paradigmen sollte fallbezogen und nicht mehr ausschließlich methodologisch geführt werden. So ging es in den fünf Beiträgen des Themenseminars zugleich um die Erschließung des historischen und gegenwärtigen Gegenstandes Potsdamer Platz und um die in der Perspektivität sichtbar werdenden theoretischen Differenzen dieser Zugänge: Philosophische Anthropologie, Systemtheorie, Kritische Theorie, Cultural Studies und Diskursanalyse/Semiologie fungierten als die theoretischen Referenzen des Themenseminars. Joachim Fischer (Dresden) führte aus der Perspektive der Philosophischen Anthropologie die Doppelplatzanlage Potsdamer/Leipziger Platz als Signum unvollständiger Integration im Sinne bürgerlicher, marktförmiger Vergesellschaftung ein. Vor dem Hintergrund des industrialisierten Berlin treten zwei Gegenentwürfe zu dieser unvollständigen Integration auf, die einerseits das Primat der Blutsgemeinschaft und andererseits das der Sachgemeinschaft betonen. Auf diese gegensätzlichen, aber gleichermaßen auf einen absoluten Neuanfang gegen die bürgerliche Gesellschaft gerichteten Entwürfe führte Fischer die nach der Ausbauphase des Platzes (bis 1930) geplanten oder durchgeführten Entwürfe des NS-Regimes und der DDR im Umkreis des Platzes zurück: So sei ab 1941 der Versuch unternommen worden, gegen die ‚Entfremdung’ der bürgerlichen Gesellschaft eine Blutsgemeinschaft im Sinne der NS-Ideologie zu stiften. Der Bau der Mauer 1961, die den Platz durchschnitt, stehe dagegen für das vernunftpolitische Gemeinschaftsprojekt der DDR, die Sach- und Produktionsgemeinschaft durch die Eingrenzung der existierenden Körper durchzusetzen. Im Wiederaufbau des Platzes in den 1990er Jahren, so Fischer, werde insbesondere in der kaufvertraglichen Verpflichtung, städtisches Leben zu schaffen, aber auch in den Anlehnungen an die alten Straßenführungen sowie die Traufhöhe, der Versuch einer „Rekonstruktion bürgerlicher Gesellschaft im Bewußtsein ihrer Kontingenz“ deutlich: eine Anknüpfung an den städtisch-marktförmigen Potsdamer Platz als Ort unvollständiger Integration, die auf die Möglichkeit eines vollständigen Neuanfangs verzichtet und gerade deshalb für die „natürliche Künstlichkeit“ bürgerlicher Gesellschaft stehe. Von der Systemtheorie, so machte Andreas Ziemann (Essen) gleich zu Beginn seines Referats deutlich, seien genuin raum- oder stadtsoziologische Erkenntnisse kaum zu erwarten, da aus ihrer Sicht räumliche Strukturen sozial irrelevant seien. Systemtheoretisch thematisierbar seien dagegen Kommunikationen über den Potsdamer Platz, und zwar aus der Perspektive einer Beobachtertheorie zweiter Ordnung (Beobachtung von Beobachtungen). Dann sei nach der Form und Kodierung dieser Kommunikationen zu fragen sowie nach ihren Kopplungen mit den Systemen von Ökonomie, Politik und Kunst. Die Konstruktion des Platzes lasse sich demzufolge im Sinne einer differenzierten Funktionslogik beschreiben, wobei politische Entscheidungen, architektonische Gestaltungsentwürfe und die Einsätze von Investoren je eigenständigen Systemen zuzurechnen sind; der Platz entstehe also „polykontextural“ als politischer, künstlerischer und wirtschaftlicher Raum. Zusätzlich werde er zu einem massenmedial konstruierten und wissenschaftlich reflektierten Ort. Man könne, so Ziemann, wenn auch systemtheoretisch nicht streng gedeckt, von einer „dynamischen, vielfältigen Funktionsräumlichkeit“ sprechen. Christine Resch (Frankfurt am Main) betonte in ihrem gemeinsam mit Heinz Steinert verfaßten Beitrag aus der Sicht der Kritischen Theorie die Widersprüche in der Herrschaftsdarstellung, die sich an der neuen Bebauung des Potsdamer Platzes zeigten. Mit Bezug auf Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Dialektik der Aufklärung faßte sie postmoderne Architektur als Kulturindustrie mit besonderer Herrschaftsaffinität, deren Besonderheit im Vergleich zu staatlichen oder monopolistischen Repräsentationsbauten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sowohl die übermächtige Monumentalität als auch die Ernsthaftigkeit vermissen lasse. Unter kulturindustriellen Vorzeichen werde „Architektur zum Amüsement“, während zugleich die herrschende Klasse, so Resch, monumental baue und bescheiden spreche - dies zeige sich besonders am Potsdamer Platz. In diesem „bescheidenen Großtun“ sehe die Kritische Theorie die legitimatorische Funktion der kulturindustriellen Architektur - sie verdecke eigentliche Herrschaft und locke durch uneigentliche Konsumversprechen. Udo Göttlich (Duisburg) stellte in seinem Vortrag Vorüberlegungen für empirische Forschungen in der Tradition der Cultural Studies an. Der Potsdamer Platz sei als Ort der Moderne zugleich auch Bestandteil von Erzählungen, in denen sich die Alltags- und Konsumkultur exemplarisch zeige; insbesondere für die Frage nach der Modernität oder Postmodernität dieser Kulturen stelle der Potsdamer Platz einen „Lackmustest“ dar. Mit der ‚Artikulation’ rückte Göttlich ein Konzept in den Vordergrund, welches die Transformationen populärer Kulturen als Weisen der Aneignung massenkultureller Güter berücksichtigt, indem es ihre relative Eigenständigkeit hervorhebt. Im Kontext der in Sektion bereits mehrfach diskutierten Frage „Massenkultur oder populäre Kulturen“ lokalisierte Göttlich das Interessengebiet der Cultural Studies damit in den konsumtiven und rezeptiven Praktiken, die von einer Analyse massenkultureller Produkte nicht geleistet werden könne. Eine Untersuchung zum Potsdamer Platz aus der Sicht der Cultural Studies könnte, so Göttlich, an mehrere Studien zu den US-amerikanischen shopping malls anknüpfen und deren Ergebnisse zum Image-Marketing durch Stadtentwicklung auf die besondere Situation Berlins beziehen. Von besonderem Interesse müsse dabei sein, daß der Platz nicht vorrangig als shopping mall konzipiert sei, gleichwohl aber als Erlebnisarchitektur funktioniere. Michael Makropoulos (Berlin) ging in seinem Referat „Pars pro toto der Moderne - Mythos ‚Potsdamer Platz’, diskursanalytisch und semiologisch“ der Frage nach, warum es den Mythos Potsdamer Platz überhaupt gebe. Daß gerade dieser Platz zum Gegenstand einer mythischen Erzählung wurde, liege, so Makropoulos, gerade in seiner „Nicht-Form“: Der Potsdamer Platz der Zwanziger Jahre stehe als verkehrsreiche Straßenkreuzung - eben nicht als Platz - prototypisch für das Zeitbewußtsein beschleunigter Modernität, stelle eine materielle Referenz dar für eine Vorstellung von Urbanität, die Steigerung und Intensivierung des Lebenstempos als wünschenswerte Lebensform voraussetzt. Neben diesem Aspekt des verkehrstechnisch ermöglichten Fließens materieller Güter stehe der Potsdamer Platz aber für auch neuartige Oberflächen (Fassaden, Reklame, Illuminationen), welche im Rahmen einer konsumtiven Ökonomie auf die Aufmerksamkeit von Konsumenten ausgerichtet sind und in denen die massenkulturelle Entgrenzung des Ästhetischen ins Alltägliche wahrnehmbar werde. Im Modernitätsverständnis der Zwanziger Jahre sei der Potsdamer Platz als Prototyp dieser Verklammerung von (Verkehrs-) Technik und (Werbe-) Ästhetik anzusehen. Die Mythisierung des Platzes - so Makropoulos in einem Rekurs auf Roland Barthes’ Mythen des Alltags - bringe ihn als materielle Referenzinstanz für diesen letztlich immateriellen Sachverhalt ins Spiel. Semiologisch sei Mythisierung als Naturalisierung von Geschichte zu verstehen; aus dieser Perspektive könne die Mythisierung des Potsdamer Platzes als Ontologisierung von Urbanität gedeutet werden. In der von Karl-Siegbert Rehberg moderierten Diskussion der Referate forderte der theoriegeleitete Deutungsanspruch der Beiträge zunächst eine Reihe stadt- und architekturhistorischer Ergänzungen heraus (Werner Sewing). Als weiterhin klärungsbedürftig wurde angemerkt, daß die Rede von ‚einem’ Mythos hinsichtlich der Gemengelage historisch-politischer Motive präzisiert werden müsse - wo beginnt der Mythos des ‚neuen Platzes’, welche Relevanz haben die 1920er Jahre darin, und welche Rolle spielt die oftmals ausgeblendete ‚Zwischenzeit’ des Krieges und der Teilung? Schließlich bezogen sich einige Beiträge auf die in den Referaten angesprochene gegenwartsdiagnostische Diskussion - Fortführung oder Untergang des Bürgertums? - und die im Rahmen der Sektionsarbeit bereits mehrfach deutlich gewordene Differenz der Konzeptionalisierung gegenwärtiger Kulturphänomene - populäre Kulturen oder Massenkultur? Insgesamt wurde deutlich, daß aus den verschiedenen theoretischen Perspektiven durchaus gemeinsame Strukturen erkennbar sind (Politik, Ökonomie, Kunst), daß durch die unterschiedlichen Zugänge aber auch Erklärungslücken deutlich werden, die im sich Theorievergleich als Forderungen nach weiterer Ausarbeitung manifestieren. 4. Erlebte städtische Räume Jörn Ahrens (Berlin) fragte in seinem Referat „Imaginierte Urbanität? Der Potsdamer Platz als Attraktionsraum“, was überhaupt das Attraktive am Potsdamer Platz sei und bezog sich vor allem auf den Mythos des ‚neuen Potsdamer Platzes’. Dieser habe bereits mit den Bauarbeiten und deren medialer Präsentation (Info-Box) begonnen. Kernthema dieses Mythos sei vor allem der Bezug zur ‚alten Stadt’, der durch Motive der Anziehung und Abstoßung gekennzeichnet sei und in dieser ambivalenten Weise eine Ursprungserzählung wiederhole. Als zu bebauender bzw. bebauter Ort im leeren Zentrum der Stadt wie als Leerstelle im Symbolischen könne der Potsdamer Platz als Raum bezeichnet werden, der von seiner Räumlichkeit abstrahiere und phantasmagorische Effekte freisetze. Die Metropolen-Visionen, welche in der Planung zum Ausdruck kommen, könnten im Sinne des New Urbanism als Antwort auf Tendenzen der Suburbanisierung angesehen werden, wobei die doppelte Leerstelle des Platzes im städtischen Raum wie im Symbolischen gerade durch die Ambivalenzen im Bezug zur Stadtgeschichte vermarktungsfähige Fremdheitseffekte zeitige. In seinem Vortrag „Ein Platz als erinnerter Raum. Oral Histories vom Potsdamer Platz“ konnte Gerhard Panzer (Kassel) die aufeinander folgenden Mythisierungen des Platzes durch die Erinnerungen von Zeitzeugen beleben. Anders als etwa bei Maurice Halbwachs sei das Verhältnis von kollektivem und individuellem Gedächtnis hier keines gegenseitiger Stabilisierung, sondern vor allem die scharfen Diskontinuitäten zwischen den Erinnerungsschichten seien bemerkenswert. In einer Auswertung von 20 Interviews betonte Panzer, daß sich im kollektiven Gedächtnis vor allem die Erfahrung des Traditionsbruches überliefert: In den frühen (Kindheits-) Erinnerungen der Befragten an den Platz der 1920er Jahre überwiege seine Idealisierung als ‚Wohnzimmer der Stadt’, vor allem an das Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz und an die Fassadenwerbung des ‚Sarotti-Mohrs’. Die Destruktion des Platzes im Krieg werde, da sie oft nicht an diesem Ort erlebt wurde, nicht erinnert. Präsent hingegen sei die Phase des Abrisses in den 1950er Jahren, die oftmals als „Flucht aus der Geschichte“ beschrieben werde. Für die Zeit der Teilung überwiegt vor allem die Erinnerung an die Schwarzmärkte und die am Platz inszenierten politischen Konflikte, besonders der ‚Werbekrieg’ der zwischen der Propaganda für ‚billige HO-Märkte’ und ‚West-Kinos’ während und nach der Blockade. Nach dem Mauerbau habe die Touristenattraktion der ‚Mauerschau’ das Bild des Platzes geprägt. 5. Gestaltete städtische Räume Stefan Kaufmann (Freiburg) referierte über „die Formierung einer Landschaft - Zur Genese des American Grid Systems“. Die Vermessung und Kartierung der USA nach diesem Verfahren ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert verzichtet auf die in klassischen Parzellierungsmodellen notwendigen Fixpunkte in der Landschaft und orientiert sich an nautischen und astronomischen Meßverfahren. Dadurch wird das Land unabhängig von physischen Gegebenheiten nach Maßgabe einer technisch-abstrakten Struktur parzelliert, die zudem über den momentanen Herrschaftsbereich hinaus permanent erweiterbar ist. Ideengeschichtlich ist das grid-System eng mit der US-amerikanischen Politik der Landnahme auf der Basis eines Gesellschaftsvertrages verbunden. Einerseits schafft das grid-System soziale Kontrollräume, die die Landvergabe reglementieren, zum anderen aber wird das gesunde, nicht-städtische Leben zum Grundstein des US-amerikanischen Demokratieverständnisses: Der aufklärerische Topos von der Verbesserungsfähigkeit von Mensch und Natur zeigt sich im Versuch, die „Demokratie von der Scholle her zu entwickeln“ - dies unter Einsatz des grid-Systems. Abschließend beleuchtete Kaufmann Versuche, das grid auf städtische Räume anzuwenden (New York) und wies auf das interessante Phänomen einer Standardisierung ohne Bauvorschriften hin, das sich hierbei beobachten lasse. Jan Freitag (Würzburg) ging in seinem Vortrag „Architektur und Stadtplanung oder von der Ästhetik der Sozialtechnologie“ den Ästhetisierungen des Funktionellen in der modernen Architektur des frühen 20. Jahrhunderts nach. Im Rückgriff auf Michel Foucault präzisierte er zunächst das Konzept der Sozialtechnologie und die darin enthaltene neuzeitliche Idee, soziale Regulierung mittels technischer Verfahren auf Dauer zu stellen und permanent zu perfektionieren. In der modernen Architektur des frühen 20. Jahrhunderts sei diese Idee einer vollständigen Organisation des gesamten Lebens stadtplanerisch weitergeführt worden; zugleich aber sei auch die sozialtechnische Organisationsleistung im Sinne einer Ästhetik der Funktion in die Selbstzuschreibung der Architektur als avantgardistische Kunstgattung eingegangen. Frank Winter (Dresden) beschäftigte sich in seinem Referat „Raum, Stadt, Soziologie. Wie wirkt moderner Stahlbeton auf das gesellschaftliche Gefüge?“ mit den besonderen Materialeigenschaften des Stahlbeton und den Konsequenzen der dadurch weitgehend entschränkten architektonischen Konstruktionsmöglichkeiten für die soziologische Theoriebildung. Mit Bezug auf Bruno Latour faßte er den Stahlbeton als „Hybrid“ oder Quasi-Objekt, das raumsoziologisch berücksichtigt werden müsse, denn das Material und seine Plastizität bestimmten mit über die möglichen Strukturierungen des gebauten Raums und damit auch über die stadtutopischen oder stadtplanerischen Potentiale. Winter verwies dabei auf die zentrale Rolle Ernst Neuferts bei der technischen Normung einer Vielzahl von Funktionsräumen unter Berufung auf ‚menschliche Maße’, die in dieser Form erst durch die weitgehende Entbindung des Bauens von materialbedingten Konstruktionsbegrenzungen möglich sei. Erst auf der Basis des Stahlbetons, so Winter, seien komplexe soziale Normen bautechnisch überhaupt erst durchsetzbar. Insgesamt wurde die Planungsidee, unterschiedliche theoretische Perspektiven über die Betrachtung eines gemeinsamen Gegenstandes ins Gespräch zu bringen, von vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern als geglückt angesehen - es ist zu hoffen, daß diese Anregung, vielleicht auch an einem anderen Gegenstand, in der Sektion wiederaufgenommen wird. Für die am Gegenstand Potsdamer Platz weitergeführte Debatte um das dem Schicksal bürgerlicher Kultur und/oder mögliche theoretische Perspektiven auf nachbürgerliche Vergesellschaftungsweisen ergab sich eine Vielzahl neuer Aspekte, die bei den kommenden Tagungen der Sektion - so etwa bei der Fachtagung „Theorie der Massenkultur“ in Paderborn“ - wieder aufgenommen werden können. Dominik Schrage (Dresden/Berlin)
| |
| . | kUltursoziologie Zurück / Home | |
| . | Links:
Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS)
/ Institut für Soziologie
der Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz
Created: 20.12.2001 by www-team soziologie freiburg / Last Modified: 10.05.2005 by www-team soziologie koblenz |