Der Baum in der Kunst
Von Anna Orth
" Nur wenn Du den Baum liebst wie dich selbst, wirst Du überleben."
(Friedrich Hundertwasser)
Dieser mahnende Aufruf appelliert an unsere Verantwortung dem Baum gegenüber in einer Zeit, wo Gleichgültigkeit, Resignation und Rücksichtslosigkeit die Menschheit beschreibt.
Die Mahnung Friedrich Hundertwassers ist aktueller denn je. Umweltverschmutzung, Waldsterben, saurer Regen, Luftverschmutzung und Waldrodungen bedrohen das Leben unserer Bäume und somit auch das unsere.
Dies haben Künstler in allen Gestaltungsbereichen erkannt: in der bildenden Kunst mit ihren vielen Möglichkeiten, in der Literatur, der Poesie, der Musik. Der Baum hat schon immer eine große Rolle gespielt, schließlich ist er Teil unseres Lebens, ja sogar lebensnotwendig, was leider all zu oft verkannt wird. Der Baum spendet Leben, ist Ort der Kommunikation, das Objekt vieler Kinderbilder, ja selbst in unseren Träumen tritt er auf.
Kaum einem Gegenstand wurden so viele Bedeutungen zugesprochen wie dem Baum. Doch hat sich seine Rolle bis heute verändert. Stand er früher für Stärke, Weisheit und Kraft, so hat man in dieser Zeit häufig das Bild eines leidenden, schutzbedürftigen und verletzlichen Baumes vor Augen.
"Wenn ich wüßte, daß morgen die Welt untergeht, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen."
(Martin Luther)
Mich hat besonders die Rolle des Baumes in der Bildenden Kunst interessiert. So habe ich mich mit einigen Aspekten dieses Themas beschäftigt.
Der Baum als solcher, das heißt als Naturbaum, und der Baum in symbolischer Bedeutung sind kaum voneinander zu trennen. Denn es mischt sich in jedes Kunstwerk eine bestimmte subjektive Stimmung des Künstlers und somit eine tiefere Bedeutung. Doch lassen sich gewisse Unterschiede erkennen: Auf der einen Seite die versteckte und geheimnisvolle Bedeutung des Baumes, die nicht gleich ersichtlich ist, besonders charakteristisch für den Pointilismus und den Expressionismus. Im Gegensatz dazu die betonten, phantastischen Darstellungen des Surrealismus und der naiven Kunst, um nur einige Beispiele genannt zu haben.
Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Impressionisten die naturalistische Malerei weitgehend überwunden, eine Malweise, die versucht, ihr Objekt bis ins Detail getreu, wertfrei, fotografieähnlich darzustellen. So ging es nun darum, das Wesen der Dinge abzubilden, Licht und Schatten, das Farbenspiel und eine gewisse Stimmung einzufangen. Im Pointilismus und Expressionismus sollten die Bäume ganz einfach sie selbst sein. Der Künstler stellte sich die Aufgabe, den Baum in seinem Wesen, seiner Gestalt und in seinem Ausdruck darzustellen. Dem Baum wurde kaum eine bestimmte Symbolik zugesprochen, allein die seelische Verfassung des Künstlers, sei es eine frohe, wehmütige oder verzweifelte, beeinflußte das Werk.
Vincent van Gogh ist ein gutes Beispiel für das oben beschriebene Phänomen. Schwere psychische Probleme wirkten sich auf seine Werke aus. Das läßt sich u.a. auch an der Farbwahl seiner Bilder feststellen. Für ihn war immer die Wahrhaftigkeit in der Erfassung allen Lebens wichtig. So ließ er immer nur einen Maßstab gelten: die Wirklichkeit. Er gab sich in seinen Malereien völlig der Natur hin, und so wurde ihm immer mehr " alle Wirklichkeit zugleich Symbol". Ein zentrales Motiv waren für ihn die immergrünen Zypressen, lebendig, feurig und lodernd, ein Ausdruck tiefster Erregtheit.
"Die Zypressen beschäftigen mich dauernd,(......)es wundert mich, daß man sie noch nicht gemalt hat, wie ich sie sehe. In den Linien und Proportionen so schön wie ein ägyptischer Obelisk. Und das Grün ist so ein ganz besonders feiner Ton. Es ist der schwarze Fleck in einer sonnenbeschienenen Landschaft, aber es ist einer der interessantesten schwarzen Töne, doch ich kann mir keinen denken, der schwieriger zu treffen wäre."
(Vincent van Gogh, Zypressen )
Der Baum als Symbol
Der Baum ist ein Ursymbol. Menschen aller Zeiten, Religionen, Kulturen und Kontinenten sprachen im verschiedene Symbol- und Sagenhaftigkeit zu. Er spielt oft eine wesentliche Rolle in Märchen und Sagen, in Musik und Dichtung, in Volksbräuchen und Mythen. Immer wieder wurden ihm vielerlei Bedeutungen untergeschoben. Die Zeder und der Lorbeerbaum sind Sinnbild der Unsterblichkeit. Der Feigenbaum steht für die Fruchtbarkeit, Palmzweige symbolisieren Sieg und Frieden. Letztere baute beispielsweise auch Albrecht Dürer oft in seine Bilder ein. Der Baum hat auch in der Heiligen Schrift eine große Bedeutung: Im Buch Genesis, Kapitel 2, Vers 9, heißt es: "Gott, der Herr ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse." Der Baum der Erkenntnis steht für die Entscheidung des Menschen an dessen Lebensanfang. In Kapitel 2,16 der Genesis heißt es: "Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: 'Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten, aber vom Baum der Erkenntnis sollst du nicht essen; denn welchen Tages Du davon ißt, wirst Du des Todes sterben.'" Indem der Mensch seinen Gehorsam gegenüber Gott bricht, betritt er eine Welt, in der er Gut und Böse, Leben und Tod, selbst setzt und durchlebt. Der Baum des Lebens und der Baum des Todes, das heißt der Baum der Erkenntnis, wurden zum Werk vieler Künstler. Schon sehr früh finden wir dieses sehr beliebte Thema in den Miniaturen oder Initialen von Handschriften, in der Buchmalerei und in Wandgemälden. Die Darstellungen dieses Themas wurden mit der Zeit immer phantasievoller, lebendiger und drohender. In der frühchristlichen Kunst wurde der Baum der Erkenntnis meist als Feigenbaum abgebildet, dessen Blätter die Nacktheit Adams und Evas bedeckten. Später setzte sich dann der Apfelbaum durch. Mit dem Apfel als Symbol der todbringenden Frucht und Sünde. Doch auch in vielen anderen Kulturen gibt es den Baum des Lebens, sowie den Baum des Todes. Neben diesen beiden Baumsymbolen tritt der Baum in der Heiligen Schrift immer wieder auf. Den Künstlern ist er ein dankbares Objekt.
So auch der "brennende Dornbusch", in dem Moses eine Gotteserfahrung machte (Exodus 3).
Häufig wird die Lichtnatur des Baumes für Gotteserscheinungen
verwendet. So wie auch Buddha unter einem Feigenbaum in Indien seine Erleuchtung
erhielt, auf die er sieben Jahre gewartet hatte.
In der Bergpredigt Jesu (Mt 7,16-2o) heißt es: "Ein jeglicher
guter Baum bringet gute Früchte, aber ein fauler Baum bringet arge
Früchte. Darum: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen."
Noch heute vergleichen oder identifizieren wir uns mit dem Baum. Das zeigen
auch unsere Sprachbilder und Redewendungen. Als Beispiele dafür:
- "aus gutem Holz geschnitzt sein";
- "ein stämmiger Bursche";
- "der Apfel fällt nicht weit vom Stamm";
- "verwurzelt sein".
(Marc Chagall, Der brennende Dornbusch)
Die Identifikation mit dem Baum kommt auch in der Kunst häufig zum Ausdruck. So zeigt ein Werk Paul Klees einen knorrigen, kahlen Baum und darauf eine knöchrige Frau mit gespreizten Gliedern. Baum und Frau werden hier Symbol der Unfruchtbarkeit. (Paul Klee, 'Jungfrau im Baum', Radierung .1903)
Der Baum nimmt in all seinen Gestalten, Formen, Farben und Bedeutungen an unserem Leben teil. In unserem Alltag, in Geschichten und Sagen, als Lebensspender, in Volksbräuchen. Und immer sind es die Künstler, die die Lebensgefühle einer Gesellschaft erkennen und festhalten. Die Werke der Kunst sollten uns vor Augen halten, daß der Baum uns braucht und wir ihn!
Fragen und Kommentare bitte als E-mail an: hjgroenert@uni-koblenz.de