Am 30. März 1998 findet im Deutschen Museum Bonn »Wissenschaft live« zum Thema »Genetischer Fingerabdruck im Fall Kaspar Hauser« statt. Wir schalten live ins Institut für Rechtsmedizin der Universität in München und beobachten die Wissenschaftler bei ihrer Arbeit. Professor Dr. Wolfgang Eisenmenger, Institutsvorstand, und Professor Dr. Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, sowie York Langenstein, Leiter der Landesstelle für die Nichtstaatlichen Museen in Bayern, werden im Museum Rede und Antwort stehen.
Spätestens seit dem Kinohit »Kaspar Hauser« (1993), in dem André Eisermann die Hauptrolle spielte, ist diese historische Figur wieder zum Leben erweckt. Am Pfingstmontag des Jahres 1828 tauchte plötzlich ein verwahrloster junger Mann, des Sprechens kaum kundig, auf. Der Findling Kaspar Hauser stand schon bald im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Der ungewöhnliche Sonderling, seine ungeklärte Herkunft, das gemeinhin Unzivilisierte dies alles übte eine erstaunliche Faszination aus, die bis in hohe Gesellschaftsschichten reichte. Kaspar Hauser wurde berühmt. Dies lag nicht zuletzt auch daran, daß Gerüchte aufkamen, der Unbekannte sei der badische Erbprinz, dessen Tod zwei Wochen nach der Geburt nur vorgetäuscht worden sei. Diese Nachricht verbreitete sich in Windeseile, so daß Kaspar Hauser bald zum Opfer von politischen Intrigen wurde. Als Hauser dann 1833 verwundet durch einen Messerstich im Oberbauch aufgefunden wurde, war für viele jeglicher Zweifel an der Person Kaspar Hausers ausgeräumt: Der Badische Erbprinz sei gemeuchelt worden, um die ganze Affäre zu vertuschen.
Der »schönste Krimi aller Zeiten« ist nun gelöst. Daß Kaspar Hauser der mutmaßliche Badische Erbprinz war, hat sich als Finte herausgestellt. Das Rechtsmedizinische Institut der Universität in München hat vor kurzem mit Hilfe der Gentechnik das Jahrhundertgeheimnis gelüftet. Genforschung - Wer denkt da nicht zuerst an genmanipulierte Tomaten oder das geklonte Schaf Dolly? Genforschung - Das bedeutet aber auch das Untersuchen von Blutspuren von Mordverdächtigen oder des Speichels, mit dem ein Erpresserbrief zugeklebt wurde, um Verdächtige zu überführen. Das Institut für Rechtsmedizin beschäftigt sich routinemäßig mit solchen Fragen.
Die Forscher des Rechtsmedizinischen Instituts verglichen verkrustete, 165 Jahre alte Blutspuren an der Unterhose des vermeintlichen Erbprinzen mit Blutproben von Nachfahren des Badischen Königshauses. Das Verfahren ist spektakulär und erst in jüngster Zeit durchführbar, die Ergebnisse sind eindeutig. Das in jeder Zelle vorhandene Erbmaterial, die Desoxyribonucleinsäure, DNS, von verschiedenen Personen wird miteinander verglichen. Die DNS der Mitochondrien, der sogenannten Kraftwerke der Zellen, in denen die Atmung und Energiegewinnung stattfindet, stellt nur einen Bruchteil der gesamten Erbmasse dar. Ihre Analyse bietet sich trotzdem an, da Mitochondrien in jeder Zelle mehrfach vorkommen. Deshalb ist bei alten Blutflecken die Wahrscheinlichkeit am größten, daß die DNS der Mitochondrien erhalten geblieben ist. Die mitochondriale DNS wird nur mütterlicherseits vererbt. Im Falle des unbekannten Sonderlings verglichen die Forscher die mitochondriale DNS mit solcher von zwei lebenden Verwandten mütterlicherseits des Hauses Baden. Blutproben, zum einen von Stephanie von Zallinger-Stillendorf aus Bozen, zum anderen von einer Nachfahrin, die nicht in der Öffentlichkeit genannt werden will, gaben den Aufschluß: Eine Verwandtschaft Kaspar Hausers konnte ausgeschlossen werden. Oder gibt es doch noch Zweifel?
Die Untersuchung des Falles Kaspar Hausers hat viele Gemüter erregt. Zur Aufarbeitung der Blutprobe mußte ein Stück der Unterhose herausgeschnitten werden. Gegner sahen darin die Verletzung eines Kulturgutes und fürchteten um die Zerstörung des Mythos¹, wie sich anschließend herausstellte, auch zu recht. Aber auch nach der Klärung der Verwandtschaftsverhältnisse bleiben viele spannende Fragen offen: Wer war der rätselhafte Unbekannte, der plötzlich im Jahre 1828 auftauchte? Warum haben sich auch Adelshäuser für diese Person interessiert und ihn als ihres gleichen anerkannt? Welche Faszination löste dieser Mensch über die Jahrhunderte hinweg allerorts aus? Warum wurde dieser Mensch ermordet, oder war es doch Selbstmord? Dieser Mord war für frühere Generationen der tatkräftigste Beweis für die königliche Abstammung Kaspar Hausers gewesen. So viele Fragen wir versuchen, die Antworten zu geben. Die Methode der Genanalyse wird bei »Wissenschaft live« im Vordergrund stehen und von Dr. Gottfried Weichhold live im rechtsmedizinischen Institut vorgeführt. Besucher können ihm über ein Bildtelefon über die Schulter schauen und ihre Fragen aus erster Hand, nämlich von den Wissenschaftlern selbst, beantwortet bekommen. Welche anderen Anwendungsgebiete es noch für diese interessante Untersuchungsmethode gibt, wird auch zur Sprache kommen. Sie findet zum Beispiel bei Vaterschaftsnachweisen Verwendung. Auch der Neandertaler wurde auf diese Weise untersucht. Nun kann er als Vorfahr des Homo sapiens ausgeschlossen werden. Die Untersuchung zeigte aber auch, daß beide von einem gemeinsamen Urahn abstammen. Diese Methode bietet uns also ein Fenster in die Vergangenheit.
Zur gleichen Zeit findet eine Sonderausstellung statt, die sich mit der Geschichte um Kaspar Hauser beschäftigt; die originale Hauser`sche Unterhose ist als glanzvolles Teil der Ausstellung zu sehen. Das Deutsche Museum Bonn steht in Kooperation mit der Bundeskunsthalle, in der Ende März die Ausstellung »Genwelten Labor des Prometheus« eröffnet wird.