Wahrnehmungstheoretische Aspekte

Mit den geschilderten neurophysiologischen Hypothesen voll vereinbar ist ein kybernetisches Modell der Wahrnehmung.

Dieses Modell ist ebenfalls vereinbar mit Piagets Modell des Aufbaus der Wirklichkeit beim Kinde (1950).

Die zentrale Hypothese lautet:

Verhalten steuert Wahrnehmung.

Unter `Wahrnehmung´ versteht man nicht eine "...Aufnahme oder Wiedergabe von Information, die von außen hereinkommt, sondern (...) die Konstruktion von unveränderlichen Größen, mit deren Hilfe der Organismus seine Erfahrungen assimilieren und organisieren kann" (Richard und von Glasersfeld 1984, 6).

Die Bildung von unveränderlichen Größen setzt ein Modell des Funktionierens unseres Gehirns voraus, das auf negativen Rückkoppelungssystemen basiert, die hierarchisch organisiert sind.

Die unveränderlichen Größen, die Piagets "operativen Schemata" vergleichbar sind, geben unseren Vorstellungen ihre offensichtliche Stabilität und Dauer, aber sie wirken auch als begrenzende Bedingungen für jede weitere Konstruktion.

In dem hierarchischen Ebenensystem der Konstruktion werden zunehmend komplexere Größen hergestellt: Objekte, Programme, Prinzipien, Systeme, Theorien, Modelle. Als obersten Bezugswert, der alle Operationen auf den verschiedenen Ebenen steuert, vermutet man ein inneres Prinzip wie "Selbst-Verwirklichung".

Wichtig für die alte philosophische Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Beobachtung ist die Annahme, dass die Organisationsprinzipien der jeweils höheren Ebene die Definitionskriterien für das abgeben, was als Datum (Gegeben) oder Evidenz (einleuchtende Klarheit, Offenkundigkeit) gilt.

Die Spitze der Systemhierachie kontrolliert demnach, was wahrgenommen wird, und zwar auf allen hierarchietieferen Stufen. Das aber bedeutet: Es gibt keine Ebene organisationsfreier unmittelbarer Wahrnehmung.

Anders akzentuiert: Als Organismus haben wir keinen kognitiven Zugang zu unserer Umwelt, sondern nur als Beobachter.

Und noch einmal anders pointiert: "Es gibt keine Trennung von Wahrnehmung und Interpretation. Der Akt des Wahrnehmens ist der Akt der Interpretation" (Richards und von Glaserfeld, a.a.O., 18). Welt ist Welt, wie wir sie sehen; sie ist Erfahrungswirklichkeit.

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