Technologiepreis 1999

Dr. Leonardo Chiariglione

Prof. Dr. Fabio Rocca

(Preisträger in alphabetischer Reihenfolge)

Dr. Leonardo Chiariglione

für die Konzeption und Durchsetzung der MPEG-Standards zur Kodierung von Bewegtbild- und Tonsignalen, hier insbesondere des weltweit beachteten digitalen Fernsehstandards MPEG-2.

Prof. Dr. Fabio Rocca

für die Erfindung der Bewegungskompensation bei der Kodierung von Bewegtbildsignalen und für grundlegende Arbeiten zur Hybridkodierung mit Bewegungsschätzung.

Curriculum Vitae von Dr. Leonardo Chiariglione

30.1.1943 
Geboren in Almese, Italien.
1967  Abschlußexamen in Elektrotechnik am Politeccnico di Torino.
1971 Anstellung bei CSELT (Centro Studie e Laboratori Telecommunicazioni).
1973 Promotion in Elektrokommunikation an der Universität Tokio.
1975 Konstruktion eines RAM-basierten Video-Simulators für Forschungsarbeiten zur Videocodierung.
1979 Konstruktion eines Systems zur Echtzeitübertragung von Standbildern auf der Grundlage der DCT Komprimierung; Vorsitz der Image Terminal Section bei CSELT.
1982  Konstruktion des Prototyps eines Videokonferenz-Codec nach CCITT H.120.
1985 Konstruktion einer Mehrpunkteinheit für Videokonferenzen nach CCITT H.120.
1986 Konstruktion eines Prototyps, in dem die CCIR-Empfehlungen 601 und 656 verwirklicht sind; initiiert "International Workshop on HDTV".
1988  Konstruktion eines ISDN-Videotelefons für Basisanschluß; 
Vorsitz bei der ersten MPEG-Konferenz.
1989 Chefredakteur von "Image Communication"/ EURASIP-Journal.
1991 Konstruktion einer Echtzeitimplementierung für einen vollständigen MPEG-1-Decoder; Leiter der Multimedia und Video Services Division von CSELT; unter seinem Vorsitz verabschiedet MPEG die internationale Norm MPEG-l.
1994  Konstruktion einer Echtzeitimplementierung für einen vollständigen MPEG-2-Decoder; initiiert DAVIC (Digital Autio-Visual Council) und wird ihr (Gründungspräsident und Vorstandsvorsitzender; unter seinem Vorsitz
verabschiedet MPEG die internationale Norm MPEG-2.
1995 Unter seinem Vorsitz verabschiedet DAVIC die erste Spezifikation DAVIC 1.0.
1996 Konstruktion von ARMIDA, einer Implementierung eines DAVIC Client/Server-Systems; initiiert FIPA (Foundation for Intelligent Physical Agents), und wird ihr Gründungspräsident und Vorstandsvorsitzender; unter seinem Vorsitz verabschiedet die MPEG die internationale Norm DSM-CC.

1997
Unter seinem Vorsitz verabschiedet die MPEG die internationale Norm MPEG-2 AAC.
1998 Konstruktion von ArmidaFour, ein MPEG-4 Client/Server-System; initiiert OPIMA
(Open Platform Initiative for Multimedia Access) als "Industry Technical Agreement" des IEC und wird deren Vorsitzender; unter seinem Vorsitz verabschiedet die MPEG die internationale Norm MPEG-4.
1999  Ernennung zum Geschäftsführer von SDMI (Secure Digital Music Initiative).

 

Ehrungen

1995  Information and Communication Engineers Award; Institute of Electronics, Japan.
1996  Emmy Award; Academy of Television Art and Science, USA.
1997 a) J. J. Thompson Award; Institute of Electrical and Electronics Engineers,Großbritannien.
b) International Institute of Communications Award, Italien.
1998  a) Society of Photo-Optical and Instrumentation Engineers Award, USA.
b) Kilby Foundation Award, USA.
1999 Masaru Ibuka Consumer Electronics Award; IEEE, USA.

 
 
 

Curriculum Vitae von Prof. Dr. Fabio Rocca

7.1.1940 Geboren in Neapel, Italien.
1962 Promotion als Elektroingenieur; Politecnico di Milano, Italien
1963-79 Forschungsarbeiten zu:
1963-67 PLL-Schaltkreisen;
  1968-85 Bildkomprimierung und Bewegungskompensation;
seit 1968 Verarbeitung von seismischen Signalen;
1972-79 Single-Photon-Emissions-Tomographie (SPECT).
Seit 1975  Ordentlicher Professor am Politecnico di Milano und von 1975-78 Leiter des Instituto di Elettrotechnica ed Elettronica.
1979-89 Lehraufträge an der Fakultät für Geophysik der Standford University, dort auch Forschungsarbeiten zur Verarbeitung von seismischen Signalen.
1980-93 Mitglied der Commissione d'Ateneo (Universitätsleitung).
1983  Erste Satellitenübertragung eines digital komprimierten Videosignals unter Verwendung des am Politecnico di Milano entwickelten Interframecoders und des geostationären italienischen Satelliten SIRIO.
1983-84 Vorsitzender des Osservatorio Geofisico Sperimentale in Triest.
Seit 1985 Forschungsarbeiten zu Synthetic Aperture Radar, später SAR-Interferrometrie.
1987 Vorsitzender der Europoean Association of Exploratory Geophysicists.
Seit 1988 Forschungsarbeiten zur Nutzung des Bohrersignals, um das Verhalten des vor dem Bohrer liegenden Gesteins vorherzusagen.
Seit 1989 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Institut Francais du Petrole.
1990-93 Koordinator des ersten EU-Forschungsprogramms für Geowissenschaften.
Seit 1995  Koordinator im Wissenschaftlichen Beirat des Osservatorio Geofisico Sperimentale in Triest.
Seit 1999 Außerordentliches Mitglied im Consiglio Superiore PPTT.

 

Ehrungen

1979  Honeywell International Award (HUSPI).
1989  a) Symposium Prize Paper Award, Association Geoscience and Remote Sensing; IEEE, USA.
b) Ehrenmitglied der Society of Exploration Geophysicists.
1990 Schlumberger-Preis der European Association of Geoscientists and Engineers.
1995 Italgas-Preis für Telekommunikation.
1998 Ehrenmitglied der European Association of Geoscientists and Engineers.

 
 

Publikationen

Mehr als 150 Veröffentlichungen zu Theorie und Praxis der Signalverarbeitung.



Bewegtbildkodierung und die Geburt von MPEG

Ein wichtiger Schritt in der Evolution der Kommunikationstechnik erreicht den Konsumbereich. Audiovisuelle Systeme wie Fernsehen, Internetanwendungen, digitale Speichermedien etc. nutzen zur Kodierung der Quellensignale zunehmend digitale Kodierungstechniken nach MPEG (Motion Pictures Experts Group). Diese MPEG-Standards wurden unter dem Dach von ISO/IEC (International Standardisation Organisation/International Electrotechnical Commission) erarbeitet und legen für verschiedene anwendungsbereiche sehr effiziente Techniken zur Kodierung von Ton- und Bildsignalen mit hoher Datenreduktion fest.

Die Standards werden weltweit beachtet. Verabschiedet sind bisher:

MPEG-1: Speicheranwendungen wie z.B. CD, l,5 MB/s, progressive Abtastung
MPEG-2: Fernseh- und HDTV-Anwendungen, mit und ohne Zeilensprung
MPEG-4: Internet- und Virtual Reality-Anwendungen

Noch in der Diskussion befindet sich der MPEG-7-Standard für multimediale Anwendungen.

Diese Standards sind eine wichtige Grundlage für digitale audiovisuelle Systeme wie beispielsweise das digitale Fernsehen. Sie bilden die Basis für eine systemübergreifende Komunikation insbesondere bei zukünftigen Multimediaanwendungen. Erst durch die Standards wird die preiswerte Massenproduktion von komplexen Empfangsdekodern zum Beispiel für digitale Fernsehempfänger möglich.

Ohne MPEG gäbe es kein digitales Fernsehen. Ohne Leonardo Chiariglione gäbe es kein MPEG. Beeindruckt von der Standardisierungsarbeit für die Kodierung von Einzelbildern der Joint Pictures Experts Group (JPEG) unter der Leitung seines ehemaligen Tokioter Studienkollegen Hiroshi Jasuda gründete der sprachbegabte Humanist und Weltbürger Chiariglione 1988 ebenfalls unter dem Dach von ISO/IEC die MPEG-Gruppe. Mit bewunderungswürdiger Zähigkeit und Durchsetzungskraft führte er Experten auf dem Gebiet der Bewegtbildkodierung aus den nachrichtentechnischen Labors der Welt zusammen und schuf mit ihnen in den 90er Jahren die MPEG-Standards. In vielen Sitzungen kämpfen international renommierte Experten miteinander und mit Chiariglione um das jeweils beste Konzept. Dabei schlug -so ein Sitzungsteilnehmer - Chiariglione die Köpfe solange aneinander, bis der neue Standard fertig war. Nichts und niemand konnte ihn dabei aufhalten. Er folgte seinem Leitsatz "ein audiovisuelles System für die ganze Welt - denn überall haben die Menschen gleiche Augen und Ohren". Einerseits entstanden durch die Beteiligung von Arbeitsgruppen aus aller Welt technisch hervorragende Vorschläge. Andererseits
ergab sich aus der internationalen Beteiligung eine gute Akzeptanz für die so geschaffenen Standards, so daß firmenspezifische Lösungen weitgehend vermieden werden konnten.

Bereits heute ist die Übertragung von MPEG 2 - kodierten Fernsehprogrammen beim Satellitenfernsehen Stand der Technik. Mit einer kleinen Flachantenne von ca. 40 cm Kantenlänge und einem Satellitenempfänger für Digitalempfang lassen sich in München oder an der Cote d'Azur zur Zeit etwa 35 digitale deutschsprachige Fernsehprogramme und dazu noch viele digitale Radioprogramme über eine Satellitenposition unverschlüsselt empfangen. Hinzu kommen eine Reihe von verschlüsselten Pay-TV-Angeboten. Bei dieser Übertragung können im Frequenzband eines analogen Programms etwa vier bis acht digitale Programme ausgestrahlt werden. Neben vielen Vorteilen der Digitaltechnik begründet vor allem diese hohe Bandbreiteneffizienz den wirtschaftlichen Erfolg und damit den Durchbruch der digitalen Übertragungstechnik für audiovisuelle Signale. Dieses herausragende Ergebnis jahrzehntelanger intensiver Anstrengungen vieler Forscher und Entwickler soll hier anhand eines Beispiels kurz skizziert werden:

Nach Kotelnikov kann ein Analogsignal mit der Grenzfrequenz W und 2W Abtastwerte repräsentiert werden. Nun braucht man bei der Digitalisierung von Analogsignalen stets eine bestimmte Zahl von Quantisierungsstufen. In vielen Fällen reichen 256 Stufen entsprechend 8 Bit aus. Daraus folgt eine Datenrate von 16W in Bit pro Sekunde. Wie Nachrichtentechniker wissen, erfordert diese Datenrate nach Nyquist bei zweipegeliger Basisbandübertragung einen Übertragungskanal mit einer Grenzfrequenz von mindestens 8W. Ersichtlich liefert diese simple Digitalisierung eines Analogsignals eine Datenrate, zu deren Übertragung die 8fache Übertragungsbandbreite des Analogsignals nötig wäre. Eine in der Regel völlig unbefriedigende Lösung.

Glücklicherweise enthalten Ton- oder Bildsignale jedoch redundante und irrelevante Anteile. Schon 1948 hatte Shannon mit seiner Informationstheorie aufgezeigt, daß datensparende Kodierungen für derartige Quellen existieren. In seiner Nachfolge hat es jahrzehntelang eine Fülle von Arbeiten zur Quellenkodierung gegeben - mit einer Vielzahl von hervorragenden Ideen und praktischen Ergebnissen. Die Entwicklungen und Optimierungen verschiedener Methoden wie Differenzbildkodierungen oder Transformationsverfahren für Bewegtbildsignale stießen jedoch an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und lieferten immer noch unerwünscht hohe Datenraten. Erst Ende der achtziger Jahre erwies sich im Zusammenhang mit den großen Erfolgen der Mikroelektronik ein Vorschlag von Fabio Rocca aus dem Jahr 1969 als besonders fruchtbar. In seinem Beitrag zum Symposium Return Bandwidth Compression (MIT) im April 1969 beschrieb er diesen Vorschlag unter dem Titel: "Television bandwith compression utilizing frame-to-frame correlation and movement compensation".

Roccas Idee war, bei Bewegtbildsequenzen die Bewegung in Teilbildbereichen zu messen (Bewegungsschätzung) und nur die Differenzsignale zwischen aktuellem Bild und einem bewegungskompensierten vorherigen Bild zu übertragen. Das bewegungskompensierte Bild wird dabei mit Hilfe geschätzter Bewegungsvektoren aus dem bereits übertragenen Bild berechnet. Erst mit diesem Konzept gelang eine entscheidende Steigerung der Kodiereffizienz. So erreichte die Datenkompression für Bewegtbildsignale die heute übliche Leistungsfähigkeit. Die praktische Bedeutung dieser Hybridkodierung entwickelte sich allerdings erst in den letzten Jahren, als mit der Hochintegration komplexe digitale
Schaltkreise und Signalprozessoren verfügbar wurden. Heute wird in aller Welt bei der Bewegtbildkodierung - und selbstverständlich auch bei dem Fersehstandard MPEG-2 - von genau diesem Konzept der Hybridkodierung mit Bewegungskompensation Gebrauch gemacht.

Das Kuratorium der Eduard-Rhein-Stiftung hat deshalb vorgeschlagen, die herausragenden Beiträge von Leonardo Chiariglione und Fabio Rocca zur Schaffung der MPEG-Standards stellvertretend und repräsentativ für die vielen Beiträge anderer Experten mit dem Technologiepreis der Stiftung auszuzeichnen.
 

Prof. Dr. Broder Wendland. Universität Dortmund

 
 
 
 
 

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