Universitaet Koblenz-Landau

Universitaet Koblenz-Landau Institut für Sozialwissenschaftliche Informatik
 
 

Aufgaben und Ziele

Sozialwissenschaftliche Informatik ist ein Anwendungsfach der Informatik und beschäftigt sich speziell mit Informatikanwendungen in sozialwissenschaftlichen Problemfeldern. Aus den zahlreichen Gegenstandsbereichen sozialwissenschaftlicher Forschung wurden diejenigen ausgewählt, in denen mit einer zunehmenden Relevanz von Informatikanwendungen zu rechnen ist. Dabei war die Systematik der etablierten sozialwissenschaftlichen Fächer absolut nebensächlich, so dass mit der Sozialwissenschaftlichen Informatik ein neues akademisches Fach entstand, das folgendermaßen definiert wurde:

    Sozialwissenschaftliche Informatik ist die Wissenschaft von den gesellschaftlichen Funktionszusammenhängen automatisierter Informationsverarbeitung und den Informationsverarbeitungsverfahren in Politik und Verwaltung.

Die Sozialwissenschaftliche Informatik besteht aus zwei Teilbereichen mit folgenden Fachvertretern:

Politik- und Verwaltungsinformatik

Der Teilbereich Politik- und Verwaltungsinformatik weist drei Schwerpunkte auf:
  • Die gesellschaftlichen Funktionen des IuK-Technikeinsatzes
  • Verwaltungsinformatik
  • Organisation
Die drei Schwerpunkte sind aber insofern als eine Einheit aufzufassen, als zwischen den gesellschaftlichen Funktionen des IuK-Technikeinsatzes und den in Politik und Verwaltung zur Anwendung gelangenden Verfahren eine ständige Wechselwirkung herrscht.

Die gesellschaftlichen Funktionen des IuK-Technikeinsatzes

Historisch gesehen lässt sich die Informatik im wesentlichen aus zwei Disziplinen herleiten: Der Elektrotechnik in der Tradition der klassischen Ingenieurwissenschaften und aus der Mathematik. Beiden Disziplinen gemeinsam ist das Prinzip der Wertfreiheit. Die Realität der Informations- und Kommunikationstechnik sieht dagegen ganz anders aus: Information und Kommunikation als originär menschliche Sachverhalte dienen, auch wenn sie technisch unterstützt werden, der Vermittlung und dem Austausch zwischen Menschen (»Computer als Medium«). Informations- und Kommunikationstechnik ist somit in existierende soziale Systeme eingebettet (»soziotechnische Systeme«) und beeinflusst die sozialen Beziehungen zwischen den Beteiligten, und dies in einer Vielzahl gesellschaftlicher Bereiche (z.B. Arbeit, Bildung, Politik, Freizeit). Für einen sozialverträglichen Einsatz von Informationstechnik ist daher die Betrachtung ausschließlich technischer Aspekte nicht ausreichend. Notwendig ist vielmehr eine integrierte Sichtweise, in der soziale, organisatorische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte gleichermaßen Berücksichtigung finden.

Neben diesem Anwendungszusammenhang ist auch der Entstehungszusammenhang von Informations- und Kommunikationstechnik ein sozialer Prozess. Kein Entwickler wird heute noch erfolgreich programmieren können, ohne den zukünftigen Benutzer intensiv in den Entwicklungsprozess einzubeziehen. Zudem ist die Entwicklung komplexer Softwaresysteme nur noch im Team möglich, so dass man auch im Entstehungszusammenhang - allerdings in einer etwas anderen Bedeutung - von soziotechnischen Systemen sprechen kann.

Bei der Behandlung der genannten Fragestellungen lassen sich in den Veranstaltungen dieses Schwerpunktes zwei Hauptlinien festlegen: Zum einen ist der klassische Ansatz des Bereichs Informatik und Gesellschaft zu nennen, der sich am besten mit Wirkungsforschung umschreiben lässt, und in dem es im wesentlichen darum geht, die Folgen des Einsatzes von IuK-Technik, wie zum Beispiel die Datenschutzproblematik staatlicher Systeme oder Belastungen am Bildschirmarbeitsplatz, zu ermitteln und zu analysieren (Technikfolgenabschätzung). In den letzten Jahren hinzugekommen ist das Konzept der Gestaltungsforschung, die versucht, aufbauend auf den Ergebnissen der Wirkungsforschung, konkret Entwurfsentscheidungen für sozialorientierte Softwaresysteme zu entwickeln und umzusetzen, wie zum Beispiel der Einsatz kryptographischer Verfahren im Datenschutzbereich, die Umsetzung software-ergonomischer Erkenntnisse bei der Oberflächengestaltung oder auch Methoden zur partizipativen Softwareentwicklung.

Verwaltungsinformatik

Verwaltungsinformatik ist die Wissenschaft der Gestaltung von Verwaltungshandeln mit Informationstechnik. Die vielfältigen Aufgaben der öffentlichen Verwaltung, ihre speziellen Organisationsformen und Arbeitsmethoden, ihr besonderes Verhältnis zur Politik und die Verantwortung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern stellen hohe Anforderungen an die Informationssysteme, die zur Unterstützung der Verwaltung eingesetzt werden.

Der Bedarf an Informatikerinnen und Informatikern nimmt in dem Maße zu, wie Informationstechnik nicht nur für die verwaltungsinterne Information und Kommunikation, Organisation und Planung eingesetzt wird, sondern auch Politik und Betroffene in den Informationsverbund einbezieht. Außerdem spielt Informationstechnik eine entscheidende Rolle für die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung, erkennbar an zahlreichen Modellvorhaben in Städten und Gemeinden. Ein aktuelles Beispiel ist auch der Informationsverbund Berlin/Bonn. Zur Entwicklung der globalen Informations- und Wissensgesellschaft hat die öffentliche Verwaltung als größter geschlossener Anwender eine wichtige Rolle als Wegbereiter und aktiver Teilnehmer am Informationsverbund.

Das Berufsfeld ist deshalb auch nicht nur auf den öffentlichen Dienst beschränkt. Verwaltungsinformatikerinnen und Verwaltungsinformatiker sind überall dort gefragt, wo mit staatlichen Einrichtungen zusammengearbeitet wird.

Organisation

Informationssysteme beeinflussen im Regelfall die Struktur und Arbeitsweise von Organisationen, in denen sie eingesetzt werden. Die Organisationslehre bildet daher in Verbindung mit der Verwaltungsinformatik den Schwerpunkt in Forschung und Studium. Dabei geht es nicht nur um die theoretischen Grundlagen und um die Beschreibung der Strukturen, sondern vor allem um praxisbezogene Gestaltungskonzepte und Projektmanagement für die Einführung und Weiterentwicklung computergestützter Büro- und Verwaltungssysteme. Hinter diesem Konzept steht die Vermutung, dass die Verwaltungen in Zukunft Informatikerinnen und Informatiker benötigen, die fähig sind, Werkzeuge, Software und Systeme in Kommunikation und Kooperation mit den anderen Verwaltungsangehörigen zu entwickeln. Dazu ist es aber erforderlich, Terminologie und Handlungsstrukturen sowie Organisation und Aufgabenstellungen der Verwaltungen zu verstehen, und zwar nicht nur aus sozialwissenschaftlicher und rechtlicher, sondern auch aus betriebswirtschaftlicher Perspektive.

Sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Modellbildung und Simulation

Datenerhebungs- und -analysemethoden

Im Teilbereich Methodologie wird eine gründliche Ausbildung in der Statistik und in den Techniken der sozialwissenschaftlichen Datenerhebung und Datenanalyse vermittelt. Die hier erworbenen Kenntnisse können auch in anderen Wissensgebieten, in denen man sich ähnlicher Methoden bedient, angewandt werden. Besonderes Augenmerk wird selbstverständlich auf diejenigen Techniken sozialwissenschaftlicher Datenverarbeitung gelegt, die auf die Hilfe von Digitalrechnern angewiesen sind, wie dies etwa für die Umfrageforschung, die quantitative Analyse von Textdokumenten und die Analyse von Zeitreihen gilt. Der Schwerpunkt der Ausbildung liegt hier nicht im Bereich der Anwendung vorhandener Programmsysteme, wie sie etwa seit fünfundzwanzig Jahren in Kooperation von Sozialwissenschaft und Informatik geschaffen worden sind, sondern auf der Weiter- und Neuentwicklung solcher Systeme unter Einbeziehung jüngerer Forschungsergebnisse in der Informatik. Dies umfaßt insbesondere sowohl die Ausbildung in modernen Datenerhebungsmethoden mit Hilfe des Internets (E-Mail, WWW) als auch die Entwicklung und Anwendung von Data Mining-Methoden auf der Grundlage von Forschungsergebnissen aus der Künstlichen Intelligenz (Entscheidungsbäume, Neuronale Netze, Genetische Algorithmen).

Modellbildung und Simulation

Neben der Ausbildung an und der Schaffung von Werkzeugen zur Datenerhebung und Datenanalyse für die Zwecke der empirischen Forschung in den Sozialwissenschaften und ihren Nachbargebieten ist der zweite Schwerpunkt die Entwicklung von Instrumenten zur Modellbildung und Simulation von Ausschnitten aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit, wie sie spätestens seit den auch einer breiten Öffentlichkeit bekanntgewordenen Arbeiten des Club  of Rome (Grenzen des Wachstums, 1972) zum unverzichtbaren Bestandteil sozialwissenschaftlicher Forschung geworden sind. Die Arbeitsgruppe Modellbildung und Simulation befasst sich in erster Linie mit sogenannten Mikromodellen, bei denen die Individuen mit ihren Wechselbeziehungen im Simulationsmodell eingesetzt werden, sowie mit Mehrebenenmodellen, in denen das Hauptinteresse auf der Analyse der Wechselbeziehungen zwischen den Individuen und der Population, zu denen sie gehören, liegt. Insbesondere Mikromodelle der genannten Art werden schon seit längerer Zeit - etwa für die Beurteilung der Auswirkungen von Gesetzgebungsvorhaben im Sozialbereich - auch in der öffentlichen Verwaltung eingesetzt. Hierbei ergibt sich also eine Verzahnung nicht nur mit der Kerninformatik, sondern auch mit der Verwaltungsinformatik.

Ein aktueller Forschungsschwerpunkt ist weiterhin der Entwurf und die Entwicklung von Modellierung- und Simulationswerkzeugen auf der Grundlage des Agentenbegiffs sowie von Multiagentensystemen.

Neben die eigentliche Entwicklung von Simulationsprogrammen tritt die mathematische Analyse, die für einfache Modelle häufig geschlossen durchführbar ist, jedoch so umfangreiche mathematische Kenntnisse erfordert, wie sie bei den in Deutschland sonst üblichen sozialwissenschaftlichen Studiengängen nicht vorausgesetzt werden kann. Nur mit solchen mathematischen Kenntnissen lassen sich aber die Ergebnisse des seit einigen Jahren von Naturwissenschaftlern vorangetriebenen Forschungsgebietes der Synergetik auf die Sozialwissenschaften übertragen. Simulationsmodelle der genannten Art werden schon seit längerer Zeit - etwa für die Beurteilung der Auswirkungen von Gesetzgebungsvorhaben im Sozialbereich - auch in der öffentlichen Verwaltung eingesetzt. Hierbei ergibt sich also eine Verzahnung nicht nur mit der Kerninformatik, sondern auch mit der Verwaltungsinformatik.

Weitere Projekte: Simulation and Internet Courses in Social Science, FIRMA



Editor:
Michael Möhring
Letzte Änderung: 03.02.00
Institut für Sozialwissenschaftliche Informatik

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