Projekt „Verfolgungsschicksale und Verfahrensabwicklung“ der Universitäten Koblenz und Kiel mit über 461.000 Euro von der DFG gefördert

Paula Tobias ist mit ihrer Familie 1935 in die USA vor den nationalsozialistischen Agitationen und antisemitischer Hetze geflohen. Sie hat sich 1939 an dem Harvard Preisausschreiben beteiligt. In ihrem Heimatort Bevern gibt es seit 2017 einen FrauenOrt. Bild: Universität Koblenz / Prof. Dr. Wiebke Lohfeld
Paula Tobias ist mit ihrer Familie 1935 in die USA vor den nationalsozialistischen Agitationen und antisemitischer Hetze geflohen. Sie hat sich 1939 an dem Harvard Preisausschreiben beteiligt. In ihrem Heimatort Bevern gibt es seit 2017 einen FrauenOrt. Bild: Universität Koblenz / Prof. Dr. Wiebke Lohfeld
Die Aufarbeitung der Materialien im Kontext eines Preisausschreibens der Harvard University aus dem Jahr 1939 sowie die Rekonstruktion der kommunikativen Spannungsfelder, die in den Wiedergutmachungsakten inkludiert sind, fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 461.114 Euro Volumen.

Das Projekt greift auf ein wissenschaftliches Preisausschreiben der Harvard University von 1939 zurück, in dem Emigrant*innen aus dem nationalsozialistischen Deutschland und Österreich aufgerufen waren, ihre Autobiographie zu verfassen und dem Komitee zur Verfügung zu stellen. Hier wandten sich auf wissenschaftlicher Ebene der Psychologe Gordon Allport, der Geschichtswissenschaftler Sidney Fay und der Soziologe Edward Hartshorne unter der Überschrift ‚An alle, die Deutschland vor und nach Hitler gut kennen‘ durch Flugblätter und Zeitungsanzeigen an Migrant*innen mit dem Wunsch, dass diese über ihr ‚Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933‘ in ausführlicher Form berichten. Erwünscht war eine Textumfang von 20.000 Wörtern, was etwa 50 bis 80 Manuskriptseiten entspricht. 263 Manuskripte wurden eingereicht, darunter etwa 200 Autobiographien in einem Umfang von rund 18.000 Seiten.

In zwei Teilen des aktuellen Projekts sollen nun biographische Daten zu den Verfasser*innen der Manuskripte, auch über das Jahr 1939 hinaus, zusammengetragen werden: Hierbei nutzen die Forschenden im ersten Teil Online-Datenbanken und -Archive. Die umfassende Darstellung der biographischen Daten, die über bisher vorliegende Ergebnisse weit hinausreichen, soll es der scientific community, aber auch der interessierten Öffentlichkeit, ermöglichen, einen leichten und übersichtlichen Zugang zu den Unterlagen zu gewinnen.

Im zweiten Teil werden die Wiedergutmachungsakten von Teilnehmer*innen des Preisausschreibens zusammengetragen und im Hinblick auf deren Kommunikationsstruktur analysiert. Es werden Akten untersucht, die in verschiedenen westdeutschen Bundesländern in den Jahren zwischen etwa 1950 und 1975 angelegt und archiviert wurden. Diese Materialien sind bisher zu keiner systematischen sozialwissenschaftlich-empirischen Auswertung herangezogen worden und werden zur Klärung der Kommunikation im Spannungsfeld zwischen Behörden bzw. Sachbearbeiter*innen und Antragsteller*innen genutzt.

Fragen nach latent wirksamem Rassismus und Antisemitismus, Verzögerungsstrategien der behördlichen Bearbeitungen oder struktureller Willkür in den Verfahren, aber auch die Suche nach gelungenen Interaktionen, leiten diese Analysen. Zudem werden aus den Akten weiterführende Informationen zu den biographischen Recherchen im Kontext des ersten Teils entnommen. Die unterschiedlichen Projektteile werden auf diese Weise direkt miteinander verknüpft. Obwohl das Projekt in erster Linie zur sozialwissenschaftlichen Grundlagenforschung beiträgt, kommt ihm auch im Hinblick auf die gesellschaftlich-politische Relevanz unter den Aspekten des Übergangs von der Zeitzeugen- zur Erinnerungskultur sowie den gegenwärtigen Fragen nach dem Umgang mit dem Antisemitismus eine besondere Bedeutung zu.

Dieses Projekt leiten Prof. Dr. Wiebke Lohfeld vom Arbeitsbereich Ästhetische Bildung am Institut für Grundschulpädagogik der Universität Koblenz und Prof. Dr. Detlef Garz, Seniorprofessor an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Es ist an der Universität Koblenz am Institut für Grundschulpädagogik der Universität Koblenz angesiedelt. Gestartet ist es am 15. Juni 2026, beendet wird die Förderung am 14. Juni 2029.

Datum der Veröffentlichung
Fachliche AnsprechpartnerinProf. Dr. Wiebke Lohfeld
Universität Koblenz Universitätsstraße 1 56070 Koblenz
forschung-exilns@uni-koblenz.de0261 287 1845
PressekontaktDr. Birgit Förg
Universität Koblenz Universitätsstraße 1 56070 Koblenz
birgitfoerg@uni-koblenz.de0261 287 1766