Zeitgenössische Theaterdiskurse zwischen Theorie und Praxis. Paradoxien, Brüche und Leerstellen
Im Rahmen des Zentrums für zeitgenössisches Theater und Performance werden wissenschaftliche Fachtagungen angeboten, die auch als Weiterbildung anerkannt wird. Eröffnet wird ein Forum, mit dem über die Universität hinaus Kooperationspartner, Lehrkräfte, Kunst- und Kulturschaffende in der Region, ehemalige Studierende des Darstellenden Spiels sowie überregionale Theaterpädagogen und -wissenschaftler angesprochen werden sollen. So sollen Fragen, was man unter Theater und Bildung und ihrer Vermittlungspraxis in schulischen und außerschulischen Zusammenhängen verstehen kann, in einen Diskurs zu einer zeitgenössisch orientierten Produktions- und Rezeptionspraxis gebracht werden.
Theater und Bildung stehen seit jeher in einem wechselseitigen, aber auch spannungsreichen Verhältnis, das einem ständigen Wandel unterlegen ist. Theater- wie auch die Bildungswissenschaften lehren uns, dass es “die Bildung” und “das Theater” nicht gibt, sondern lediglich verschiedene historische Erscheinungsformen. Diese Offenheit, Theater und Bildung immer wieder neu mit Blick auf seine Begrifflichkeit zu befragen birgt eine Chance. Worin liegt diese für eine theoriegeleitete Theaterpraxis in der Gegenwart?
Zu beobachten ist in der Forschung zur Kulturellen Bildung, dass Diskurse der Theaterwissenschaft und ästhetischen Bildung stets auch in Wechselwirkung zu einer ästhetischen und theatralen Praxis stehen. Wie zeigt sich dieses Wechselverhältnis, wo und wie zeigen sich Brüche, Paradoxien und empirische Leerstellen?
Unsere aktuellen Forschungen und Evaluationen am Standort Koblenz (Kunst_Rhein_Main; Landesprogramm Rheinland-Pfalz “Jedem Kind seine Kunst”…) zeigen darüberhinaus, dass eine theaterpädagogische Arbeit in Schulen und außerschulischen Einrichtungen von sehr unterschiedlichen Vorstellungen und Ausbildungs-/Traditionen bzw. Generationsverhältnissen, aber auch regionalen Verhältnissen und Besonderheiten geprägt wird.
Das zeigt sich insbesondere dort, wo verschiedene Akteure und Systemlogiken der beteiligten Institutionen – derzeit verstärkt im Rahmen von Kunstprojekten zur Kulturellen Bildung an Schulen und außerschulischen Einrichtungen zu beobachten – zusammentreffen.
Löst man sich von der Vorstellung, dass es im Darstellenden Spiel und einer zeitgenössischen Theaterpädagogik nicht darum geht, Kinder zu Schauspielern zu machen, geht man davon aus, dass es nicht um einen authentischen Ausdruck oder einer Originalität im Sinne eines Genialiätkonzepts, wie es die Kunstästhetik im 18. Jahrhundert geprägt hat, zu vermitteln gilt, und löst man sich von der aus dieser Zeit auch stammenden Vorstellung von Theater als klassisches dramatisches Guckkastentheater, dann wirft sich vor dieser Folie für eine theoriegeleitete zeitgenössische Theaterpraxis ein offener Katalog an Fragen auf:
- Was verstehen wir unter einem Performer, was unter einer Performance?
- In welchem Verhältnis stehen der Einzelne und die Gruppe?
- In welchem Verhältnis steht das Spielgeschehen zum Spieler und Zuschauer als Akteur/Patheur?
- In welchem Verhältnis steht der Probeprozess zur Aufführung?
- In welchem wechselseitigen Bezug stehen Text lesen und szenisches Tun?
- Welche Bedeutung kommt dem Wahrnehmen und Erspüren einer theatralen Situation dahingehend zu?
- In welchem Verhältnis steht eine rezeptions- zur produktions- und werkästhetischen Betrachtung?
- Welches Verständnis von Kindern und Jugendlichen/Schülern bzw. vom Subjekt unterliegt eine Theaterpraxis?
- Welche Vermittlungspraxis zieht das nach sich? Wo findet diese statt?