Das Zusammenspiel von künstlerischer Praxis und Forschung zielt darauf ab, ein Bewusstsein für die jeweils individuelle Situierung und Position (Haraway 1995) aus einem künstlerischen Selbstverständnis heraus zu entwickeln und sich in Bezug zu einer kollaborativen Arbeitsweise (Federici 2020, 2022; Haraway 2018; Mörsch 2012) zu setzen. Dies geschieht im Verhältnis zu aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen, z.B. Klimawandel, Krieg, Armut und Ungleichheitsverhältnissen wie Rassismus, Antisemitismus u.a..
Wie sehen Formate (Ballath et al. 2022) der Übersetzung (Pratt 1992) aus, wenn sie kollaborativ entwickelt, praktisch erprobt und reflektiert werden (vgl. situierungzwischen.net)? Welche Auswirkungen haben sie auf gesellschaftliche Fragestellungen und Herausforderungen? Und wie gestaltet sich ein Verhältnis zwischen Lehr- und Forschungspraxis, das Studierende in die Bedingungen des Lehrens und Forschens einbezieht?
Eine situierte und kollaborative Praxis Neben Artistic Research (Ehn 2023; Haarmann 2019; Sansi 2015) bieten auch Ansätze des forschenden Lernens (Kämpf-Jansen 2000; Heil 2007), die Aktionsforschung (Altrichter/Posch 2007) sowie sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden wie die Konstruktivistische Grounded Theory (Charmaz 2006) forschende Ansätze an, mit dem Ziel: Praxiserfahrungen kollaborativ entlang von Theorie zu reflektieren und theoretische Reflexionen und Konzepte in die Praxis zu übersetzen, zu experimentieren, weiterzuentwickeln sowie künstlerische Vorgehensweisen in den Forschungsprozess einzubeziehen. Im Fokus steht dabei lokales Wissen von Personen der Stadtgesellschaft mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Fragen, wissenschaftlichen Theorien und der künstlerischen Praxis in Kollaboration zu bringen.
Eine künstlerisch-forschende Praxis Künstlerisches Handeln das ein kollaboratives Agieren einschließt, eröffnet Rahmenbedingungen (Vorgehensweisen, Formate und Haltungen) aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen nicht vereinzelt zu begegnen, sondern den Widersprüchen einer kapitalistischen Gesellschaftsorganisation konstruktive und dennoch kritische Handlungsweisen entgegen zu setzen. Das Anliegen ist die Künste nicht nur affirmativ als Technik einzusetzen, sondern ihr transformatives, forschendes, situiertes, kritisches und reflexives Potenzial im Handlungsfeld der Schulpraxis praktisch anzuwenden und kollaborativ zu erforschen, um gemeinsam eine Zukunft zu imaginieren, (die es noch nicht gibt).
(RE)thinking the perception of personal comfort and wellbeing to (RE)designing interior spaces
Abstract | ENG This research project seeks to redefine the concepts of comfort and safety in domestic environments in response to the challenges of the twenty-first century, including climate change, urbanisation, technological transformation, and the growing mental health crisis. It is grounded in the assumption that the sense of safety is not an objective property of an interior space but rather a dynamic, relational, and embodied process emerging through the interaction between individuals and their environments. The study adopts an interdisciplinary approach, drawing on theories of Dwelling, environmental psychology, emotion regulation, affective neuroscience, philosophy of space, and theories of embodied cognition. Its primary aim is to develop a new conceptual framework of the home as a regulatory environment that supports well-being, regeneration, and agency. An integral part of the project is an art-based research component developed as a material-symbolic archive of regulatory experiences related to Dwelling. The project proposes a new approach to interior design focused on the processes through which people experience safety, belonging, and well-being.
CV Anna Ochmann is a visual artist, interior designer and researcher whose work is situated at the intersection of art, design, and the humanities. Her research combines art-based methodologies, archival inquiry, and narrative approaches to explore everyday lived experience. Her interests focus on theories of dwelling, multisensory experience, and the relationships between environment, memory, and human well-being. Alongside her artistic and design practice, she has spent more than two decades developing and leading research and innovation projects in the fields of culture, education, and the cultural and creative sectors.
Abstrakt | DE Das vorliegende Forschungsprojekt zielt darauf ab, die Konzepte von Komfort, Wohlbefinden und Sicherheit im häuslichen Wohnumfeld vor dem Hintergrund der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts – darunter Klimawandel, Urbanisierung, technologischer Wandel sowie die zunehmende Krise der psychischen Gesundheit – neu zu definieren. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass das Sicherheitsgefühl keine objektive Eigenschaft eines Innenraums darstellt, sondern als dynamischer, relationaler und verkörperter Prozess verstanden werden muss, der in der Wechselwirkung zwischen Menschen und ihrer Wohnumwelt entsteht. Die Studie verfolgt einen interdisziplinären Ansatz und verbindet Theorien des Wohnens (Dwelling), Umweltpsychologie, Emotionsregulation, affektive Neurowissenschaften, Raumphilosophie sowie Ansätze der verkörperten Kognition. Ziel ist die Entwicklung eines neuen konzeptuellen Rahmens, der das Zuhause als regulative Umwelt versteht, welche Wohlbefinden, Regeneration und Handlungsmacht unterstützt. Ein integraler Bestandteil des Projekts ist der Ansatz des Art-Based Research, der als material-symbolisches Archiv regulativer Wohnerfahrungen entwickelt wird. Das Projekt schlägt einen neuen Ansatz für die Innenraumgestaltung vor, der nicht von den Eigenschaften des Raumes selbst ausgeht, sondern von den Prozessen, durch die Menschen Sicherheit, Zugehörigkeit und Wohlbefinden erfahren.
CV Anna Ochmann ist bildende Künstlerin, Innenarchitektin und Forscherin, deren Arbeit an der Schnittstelle von Kunst, Design und Geisteswissenschaften angesiedelt ist. In ihrer Forschung verbindet sie Art-Based Research, Archivforschung und narrative Ansätze, um alltägliche Lebenserfahrungen zu untersuchen. Ihre wissenschaftlichen Interessen konzentrieren sich auf Theorien des Wohnens, multisensorische Erfahrung sowie die Beziehungen zwischen Umwelt, Erinnerung und menschlichem Wohlbefinden. Neben ihrer künstlerischen und gestalterischen Praxis entwickelt und leitet sie seit mehr als zwanzig Jahren Forschungs- und Innovationsprojekte in den Bereichen Kultur, Bildung sowie Kultur- und Kreativwirtschaft.
Forschungsprojekte
Situierung zwischen
situierung zwischen ist eine Sammlung forschender Perspektiven aus der Theorie und Praxis der Kunstpädagogik und -vermittlung. Die Plattform widmet sich den Praxen des Forschens, verhandelt Wissensformen und eröffnet ein vielstimmiges Diskursfeld für die künstlerische Bildung.
Die Idee für die Plattform situierung zwischen ist im Dialog zwischen Silke Ballath und Konstanze Schütze entstanden, und wurde im Seminar „Situierung zwischen den Stühlen“ entworfen. Die (damaligen) Studierenden Naomie Bodner, Eva Maria Klein, Anja Schiefer und Maya Wendler erforschten gemeinsam mit Annika Niemann und Silke Ballath im Anschluss an das Seminar Fragen rund um Kollaboration im Kunstunterricht. Dabei stießen sie auf Begriffe und Themenfelder, die sie je nach Kontext, Situation, Positionierung und Situiertheit unterschiedlich beschrieben. Aus dieser Erfahrung heraus ist das Prinzip „Drei Begriffe zur Situierung zwischen den Stühlen“ entstanden: Begriffe ausgehend von der eigenen Praxis, den Erfahrungen und theoretischen Bezugsfeldern zu definieren.
Mit der Plattform möchten wir forschende Vorgehensweisen sichtbar und verhandelbar machen und die normativen Vorstellungen von Forschung hinterfragen. situierung zwischen will suchenden Prozessen einen Raum geben und unterschiedliche Stimmen nebeneinander abbilden. Wir möchten damit die Prozesshaftigkeit des Forschens selbst zum Ausgangspunkt dieser Plattform machen, um dem Suchen in Forschungsprozessen einen Raum zu geben.#
Als Herausgeber*innen fragen wir uns: Wie lässt sich eine Situierung erforschen, beschreiben, diskutieren, hinterfragen? Wie lässt sich der Zwischenraum zwischen unterschiedlichen Akteur*innen, Feldern und Institutionen produzieren und gestalten? Welche Spannungsfelder und Formen des Miteinanders ergeben sich individuell und kollektiv oder strukturell zwischen den Positioniertheiten im Feld? Und was bedeutet Situierung im Kontext einer rassismuskritischen Befragung von Schule, Studium und Kulturinstitution? Wer übernimmt dabei die Verantwortung für historisch gewachsene Machtstrukturen und koloniale Ungleichheitsverhältnisse? Wie können sie heute und zukünftig reflektier- und verhandelbar werden? Und wie entstehen Allianzen in den Verwerfungen und Zwischenräumen?
Im Jahr 2022 begann die Zusammenarbeit mit dem Programm Future Move Tanz im Rahmen einer Begleitforschung. Die Forschung sollte eine verlässliche Grundlage für Reflexion, Qualitätssicherung und Weiterentwicklung des Programms ermöglichen. Gerade weil das Mentoringprogramm auf nachhaltige persönliche Entwicklungen der Teilnehmer*innen sowie auf strukturelle Verbesserungen im Zugang zu künstlerischen Berufsfeldern ausgerichtet ist, fiel die Entscheidung auf einen begleitenden, prozessorientierten Ansatz.
Durch die systematische Begleitung konnten zentrale Fragen thematisiert und in den Prozess eingebunden werden: Wie verändert sich das berufliche Selbstverständnis der Teilnehmer*innen? Gewinnen sie mehr Sicherheit in ihrer künstlerischen Praxis und in ihrer beruflichen Orientierung? Welche strukturellen Hürden zeigen sich im Verlauf und wie können diese langfristig reduziert werden?
Neben dieser Zielsetzung eröffnete die Begleitforschung den kontinuierlichen Austausch und die gemeinsame Reflexion aller Beteiligten, Mentor*innen, Teilnehmer*innen und dem Projektteam. Sie ermöglicht eine bedarfsorientierte und flexible Weiterentwicklung des Programms, bereits während der Durchführungsphase, da Anpassungen zeitnah und auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse umgesetzt werden konnten. Der Fokus dieser Forschung lag von Beginn an auf der Begleitung der unterschiedlichen Prozesse im Programm. Uns interessierte, wie wir die Bedingungen der Zusammenarbeit befragen, erweitern und in Bewegung bringen können, um nachhaltige Strukturen zu entwickeln, die es jungen Menschen möglich macht sich das Feld des Tanzes zu erschließen.
Altrichter, H./Posch, P. (2007): Ein Blick hinter die Kulissen, in: Altrichter, H./Posch, P. (Hg.), Lehrerinnen und Lehrer erforschen ihren Unterricht. Unterrichtsentwicklung und Unterrichtsevaluation durch Aktionsforschung, Regensburg, S. 318-333. Ballath, S. et al. (2022): METTRAGE positionen-relationen erproben: Ein kollektives Nachdenken zum Klimawandel. In: SFKP e Journal Art Education Research. Charmaz, Kathy (2006): Constructing Grounded Theory. A Practical Guide through Qualitative Analysis, London/Thousand Oaks/New Delhi: Sage Publications. Ehn, Billy (2012): Between Contemporary Art and Cultural Analysis: Alternative Methods for Knowledge Production, in: InFormation – Nordic Journal of Art and Research, 1 (1), S. 4–18. Federici, S. (2020): Die Welt wieder verzaubern. Feminismus, Marxismus & Commons, übersetzt von Leo Kühberger, 2. Auflage, Wien/Berlin: Mandelbaum Kritik & Utopie. Federici, S. (2022): Jenseits unserer Haut. Körper als umkämpfter Ort im Kapitalismus, übersetzt von Margarita Ruppel, Münster: Unrast. Haraway, D. (1995): Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, hg. von Carmen Hammer und Immanuel Stieß, übersetzt von Dagmar Fink, Carmen Hammer, Helga Kelle, Anne Scheidhauer, Immanuel Stieß und Fred Wolf, Frankfurt am Main: Campus. Haraway, D. (2018): Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, Frankfurt am Main: Campus. Haarmann, A. (2019): Artistic Research. Eine epistemologische Ästhetik. Bielefeld: transcript Verlag. Heil, C. (2007): Kartierende Auseinandersetzung mit aktueller Kunst. Erfinden und Erforschen von Vermittlungssituationen, München: kopaed. Kämpf-Jansen, H. (2000): Ästhetische Forschung. Aspekte eines innovativen Konzeptes ästhetischer Bildung, in: Blohm, M. (Hg.), Leerstellen. Perspektiven für ästhetisches Lernen in Schule und Hochschule, Köln: Salon, S. 83–114. Mörsch, C. (unter redaktioneller Begleitung von E. Richterich, C. Gyger) (2012): Wie wirkt Kulturvermittlung? Arbeiten in Spannungsverhältnissen 4: Ausschlüsse durch offene Lernformen, in: Institute for Art Education der Zürcher Hochschule der Künste, Zeit für Vermittlung. Eine online Publikation zur Kulturvermittlung. [Im Auftrag von Pro Helvetia, als Resultat der Begleitforschung des „Programms Kulturvermittlung“ (2009-2012)], Zürich, S. 102-110 [online] https://www.kultur-vermittlung.ch/zeit-fuer-vermittlung/download/pdf-d/ZfV_4_FV.pdf [abgerufen am 11.01.2023]. Pratt, M. L. (1992): Imperial Eyes. Travel Writing and Transculturation, London/New York: Routledge. Sansi, Roger (2015): Art, Anthropology and the Gift, London: Bloomsbury.