Die Überlegungen zur Edition #2 Zusammenleben unterschiedlicher Lebensformen im Kontext Schule sind aus einer langjährigen Zusammenarbeit im Programm Kulturagenten für kreative Schulen hervorgegangen. Ausgehend von dieser Praxis in Berliner Schulen beschäftigte uns – Silke Ballath und Annika Niemann: Wie kann eine kollektive Praxis im Kontext Schule aussehen? Welche Möglichkeiten ergeben sich aus den Verbindungen unterschiedlicher Perspektiven und Lebensformen in diesem gesellschaftlichen Raum? Wie können unsere Beziehungsweisen (Adamczak 2017/2019, Ballath/Niemann 2025) zu anderen menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen (Haraway 1995, 2018) zu einer Folie für die künstlerisch-edukative Praxis in Schule werden? Wie sieht eine Übersetzung in Schulpraxen aus und welche Bedingungen müssen dafür beachtet werden?
Entstanden sind Text-, Bild-, und Gesprächsformate:
Elsa Feulner und Hannah Neuhaus erforschen eine Form des produktlosen Strickens und Häkelns als Praxis der Selbstfürsorge. Le Thuc Mai Anh geht entlang einer Höraufgabe und dokumentierter Beobachtung der Frage nach, wie sich Unruhe sichtbar machen lässt. Luisa Ungar Ronderos, Annika Niemann und Silke Ballath beschäftigen sich in einer Video-Soundcollage inhaltlich und formal mit Unruhe, um Aufmerksamkeiten auf Fragen, Erinnerungen, Erfahrungen und Diskurse zu setzen, die Gegenseitigkeit und Konvivialität im Kontext Schule bedingen und ermöglichen. Jakob Klukas bringt seine künstlerische Praxis in Resonanz mit spieltheoretischen Überlegungen. Mit dem künstlerisch-forschenden Format listen_walk_translate untersucht Philipp Kapitza die Sensibilisierung der Wahrnehmung durch eine schweigende Raumaneignung. Karen Michelsen Castañón spürt dem aus dieser Auseinandersetzung entstandenen Format Silent Walk im Rahmen des Labortags in der Spore Initiative e.V. mit einer Videoarbeit nach. Im Gespräch mit Silke Ballath und Annika Niemann reflektiert Wiebke Janzen die gemeinsame Erfahrung während des Labortags aus ihrer Perspektive als Lehrperson. Josephine Roth beschreibt aus der Perspektive als Dozentin Szenen eines Seminars an der Universität zu Köln, das in eine gemeinschaftliche Rauminszenierung auf dem Neue Wellen Festival in Köln mündete. Santi Grunewald gibt Einblick in eine Lecture Performance, in der sie sich mit dem hierarchischen Verhältnis von dominantem und marginalisiertem Wissen beschäftigt, das auch außerhalb von universitären Gebäuden in verkörperten Subjekten erscheint. In einer Text-Bild-Collage untersuchen Mariano Gaich, Bettina Eberhard, Annika Niemann und Silke Ballath Beziehungsweisen in ihrer Praxis als aktive und ehemalige Kulturagent*innen für kreative Schulen zwischen Zürich und Berlin. Am Beispiel kleiner Momentaufnahmen blicken Silke Ballath und Annika Niemann zurück auf ihr gemeinsames Seminar zum Zusammenleben unterschiedlicher Lebensformen im Kontext Schule und den mit Studierenden entwickelten, kollektiven Forschungsprozess.
Mit dem Schimmelmanifest haben Anika Dorn und Janne Wilhelms gemeinsam mit weiteren Kommiliton*innen die Frage untersucht, wie die Schule der Zukunft aussehen könnte. Tabea Becher und Rike Koal stellen in einem Rückblick ein künstlerisch-edukatives Format vor, mit dem eine kollektive Vision entstehen kann. Das Experiment Alltagsungehorsam wurde von Silke Ballath, Tabea Becher und Rike Koal in ihrem gemeinsamen Seminar Manifest eingeführt und gemeinsam mit Anika Dorn, Hannah Sue Kleindienst, Kimi Krauspe, Benjamin Michael Lehmann und Sophie Scharonin reflektiert. Jenny Morales Ahmady stellt ein Spiel vor, das den Umgang mit (Alltags-)Einschränkungen kritisch befragt. Mit LIEBEN (ver)lernen (ver)lieben stellen Hannah Sue Kleindienst und Kimi Krauspe ein Kartenset vor, mit dem Liebe performativ im schulischen Kontext erforscht werden kann. Anika Dorn erforscht Textur als ein Gewebe mit Zwischenräumen, Faltungen und Überlagerungen und fragt, was zwischen den Fäden und Zeilen liegt. Maxi Linke fragt danach, welche Art von Assoziationsraum der Begriff des Fadenspiels eröffnet. Die künstlerisch-performative Forschung von Lisa-Marie Rudolph und Jaqueline Buchal setzt sich mit der Verschränkung von Sprache, Macht und ihrer Dekonstruktion auseinander. Und ausgehend von einem Gespräch mit der Künstlerin Havîn Al-Sindy stellt Silke Ballath die Installation Resonanz. Im Nachklang (2024) vor.
Die Beiträge verbindet die Frage nach dem Zusammenleben im Kontext Schule. Welche (Ausdrucks-)Sprachen können dazu beitragen, eine Vielperspektivität in der Schule zu entwickeln und dafür zu sensibilisieren? Inwieweit birgt eine Übersetzung Gefahr, dass diese vielfältigen Praxen einer hegemonialen Aneignung unterzogen werden (Spivak 1990, 2008; Sternfeld 2019)? Welche Möglichkeiten eröffnet das für den formalen Bildungskontext einer Schule, im Zuge aktueller gesellschaftlicher Krisen wie etwa Klimawandel, Krieg, Armut und Ungleichheitsverhältnissen (Spivak 2017; Sternfeld 2009, 2014; Sanyal 2022)? Und ist es möglich, sich gemeinsam Zukünfte einer möglichen Schule vorzustellen, ohne die Zukunft bereits zu kennen (Garcés 2022)?
Allen Beträgen gemein ist das Verbinden, Erproben und Erforschen unterschiedlicher Wissensformen und ihre Übersetzung in eine künstlerisch-edukative Praxis.
Literatur
Adamczak, Bini (2017/2019): Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende. 4. Auflage. Berlin: Suhrkamp.
Ballath, Silke/Niemann, Annika (2025): Etwas verschiebt sich… Beziehungsweisen zwischen Praxis und Theorie künstlerisch-edukativer Interventionen im Kontext Schule. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/etwas-verschiebt-sich-beziehungsweisen-zwischen-praxis-theorie-kuenstlerisch-edukativer (letzter Zugriff am 05.07.2025).
Garcés, Marina (2022): Mit den Augen der Lernenden. Übersetzt von Richard Steurer-Boulard. Wien: Turia + Kant.
Haraway, Donna (1995): Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, hg. von Carmen Hammer und Immanuel Stieß, übersetzt von Dagmar Fink, Carmen Hammer, Helga Kelle, Anne Scheidhauer, Immanuel Stieß und Fred Wolf, Frankfurt am Main: Campus.
Haraway, Donna (2018): Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, übersetzt von Karin Harrasser, Frankfurt/New York: Campus.
Sanyal, Mithu (2022): Epilog. WTF are Commons? in: brown, harriet c. (Hg.), Lumbung erzählen, Berlin: Hatje Cantz, S. 175–183.
Spivak, Gayatri Chakravorty (1990): Criticism, Feminism, and The Institution, in: The Post-Colonial Critic. Interviews, Strategies, Dialogues, hg. von Sarah Harasym, New York: Routledges, S. 1–16 [DOI] https://doi.org/10.4324/9780203760048.
Spivak, Gayatri Chakravorty (2008): Ein Gespräch über Subalternität, in: Spivak, Gayatri Chakravorti (Hg.), Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation, Wien: Turia + Kant, S. 119–148.
Sternfeld, Nora (2009): Das pädagogische Unverhältnis. Lehren und lernen bei Rancière, Gramsci und Foucault, Wien: Turia + Kant.
Sternfeld, Nora (2014): Verlernen Vermitteln, Kunstpädagogische Positionen 30, Hamburg: REPRO LÜDKE Kopie + Druck [online] http://kunst.uni-koeln.de/_kpp_daten/pdf/KPP30_Sternfeld.pdf [abgerufen am 19.05.2022].
Sternfeld, Nora (2019): Wessen Kultur und wessen Bildung? in: ZfK – Zeitschrift für Kulturwissenschaften, 13/2: Kultur und Bildung – kulturelle Bildung?, hg. von Birgit Althans und Kathrin Audehm, S. 21–25.

Herausgegeben, 04/2023
Prof.in Dr.in Silke Ballath
Annika Niemann
Edition #2, 09/2025
ZUSAMMENLEBEN unterschiedlicher Lebensformen im Kontext Schule






