Fachtag Demokratie an der Universität Koblenz mit intensivem Austausch

Vielfältige Beiträge aus Theorie und Praxis boten Gelegenheit zum Austausch. Ein künstlerisch-praktischer Workshop lud außerdem dazu ein, demokratische Prozesse körperlich erfahrbar zu machen. Der Fachtag griff aktuelle gesellschaftliche Debatten über Vielfalt auf und beleuchtete, was Vielfalt in unserer Gesellschaft ausmacht und wie wir als demokratische Gesellschaft gemeinsam im Sinne der Vielfalt wachsen und uns entwickeln können. Nach einer kurzen Begrüßung der Gäste durch die Veranstalterinnen des Fachtags, Dr. Jasmin Brötz und Saskia Lenz, folgten die Grußworte zur Veranstaltung.
In seinem Grußwort verwies der Präsident der Universität Koblenz, Prof. Dr. Stefan Wehner, auf den Zusammenhang von Wissenschaft und Demokratie, der sich beispielsweise an der partizipativen Struktur der Universität sowie an der Bedeutung der Internationalisierung für die Universität und die Region zeigt. Vielfalt ist mit Wissenschaft untrennbar verbunden. Die zentrale Gleichstellungsbeauftragte, Dr. Tanja Gnosa, widmete sich in ihrem Grußwort den aktuellen politischen Entwicklungen, dass demokratische Vorgänge und die Demokratie selbst immer häufiger in Frage gestellt werden. Sie erinnerte daran, dass eine zunehmend polarisierte Rhetorik Marginalisierung und Ausschluss hervorruft. Das bekannte Diktum, dass es „keine Gleichbehandlung in der Ungleichheit gibt“ ließe sich am Fachtag gut reflektieren und diskutieren. Zuletzt hielt Prof. Dr. Dr. h.c. Stefan Neuhaus als Dekan des Fachbereichs Philologie / Kulturwissenschaften ein Grußwort. In diesem sprach er von Geschlecht und Migration als „Baustellen der Gesellschaft“, welche zunehmend durch aufkommende rechtspolitische Strömungen gefährdet sind. Mit einem Auszug aus Kröne dich selbst sonst krönt dich keiner von Felicitas Hoppe, verdeutlichte er, dass Vielfalt und Sichtbarkeit insbesondere in der Gegenwartsliteratur immer mehr Einzug halten.
Der Vormittag gliederte sich in die beiden Vielfaltsdimensionen: Migration und Geschlecht. Zunächst wurde Migration thematisiert. Dr. Nele Weihers Vortrag „Doppelt unsichtbar: Trans* Migrant*innen im Spannungsfeld von Rassismus und Heteronormativität“ behandelte die Überschneidung von Geschlecht und Migration. Im Fokus ihres Beitrags stand die Frage nach Kategorien, die einerseits Sichtbarkeit und Orientierung erzeugen, andererseits blinde Flecken hervorrufen können, wenn z.B. sexuelle Identität mit geschlechtlicher Identität gleichbehandelt wird. Am Beispiel einer asylsuchenden trans Person am Flughafen veranschaulichte Weiher, dass mehrfache Diskriminierungserfahrungen in Systemen häufig nicht mitgedacht werden, da Personen der LSBTI+-Community sowie migrantische Personen jeweils kollektiv erfasst werden. Sie verdeutlichte in ihrem Beitrag, dass trans Migrant*innen somit eine Art doppeltes Othering erfahren und das systemische Versagen besonders in der Logik kollektiver Kategorien liegt. Differenzierte Konzepte, klare antidiskriminierende Strukturen und Sensibilisierung von Fachkräften können dem entgegenwirken.
Christian van den Kerckhoff schloss mit seinem Praxisimpuls „Gelingende Integrationsarbeit auf Augenhöhe“ an. Aus seiner Arbeit am Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen berichtete er davon, wie wichtig es ist, auf Augenhöhe mit der Zielgruppe zu agieren und Räume für Begegnungen zu schaffen. Im Kontext von MIGRApolis, dem Haus der Vielfalt in Bonn, verdeutlichte er die Relevanz solcher offener Begegnungsräume, da dort nicht nur Veranstaltungsmöglichkeiten, sondern auch Co-Working-Spaces oder Beratungsräume zur Verfügung stehen. Besonders im Fokus der Arbeit stehen Projekte, die aus den Communities selbst entstehen, wobei der Verein hier mit bürokratischem Wissen und bestehender Infrastruktur hilft, eigene Organisationsstrukturen zu schaffen. Van den Kerckhoff betonte den Wert von Partizipation und Einbindung der Akteure sowie von Empowerment durch Wissenstransfer und Beteiligung. Wichtig ist es hierbei, immer im Austausch zu bleiben und gemeinsame Gestaltungsräume zu öffnen.
Die zweite Hälfte des Vormittags widmete sich der Vielfaltsdimension Geschlecht. Hier eröffnete Dr. Heike Mauer das Thema mit ihrem Vortrag „Geschlechtergleichheit und Vielfalt verteidigen! Überlegungen zu aktuellen Krisen und Kämpfen um Demokratie“. Sie stellte heraus, dass Demokratie nicht nur als Regierungsform zu verstehen ist, vielmehr ist es ein „unabgeschlossenes Projekt“ und eine Alltagspraxis, an der sich alle beteiligen sollen. Der Rechtsruck, welcher bereits in den Grußworten thematisiert wurde, und damit einhergehend die Politik der Entdemokratisierung, sind dabei kein rein europäisches, sondern ein globales Phänomen. Insbesondere Fragen zur Geschlechterpolitik und sexueller Orientierung sind einer starken Polarisierung ausgesetzt, was eine verringerte Akzeptanz von Vielfalt selbst in der vielbeschworenen „Mitte der Gesellschaft“ zur Folge hat. Mauer zeigte verschiedene Dimensionen demokratischer Gleichheit auf, die gerade vor dem Hintergrund aktueller Bedrohungen zusammengedacht werden sollten: Gerade das Zusammenspiel von Stimmengleichheit, materieller Gleichheit und relationaler Gleichheit wird benötigt, um Vielfalt, Geschlechtergleichheit und Demokratie zu verteidigen.
Im Anschluss berichtete Dr. Marc Gärtner in seinem Praxis-Impuls „Vielfalt und Gleichstellung – was haben Männer davon?“ von seiner Arbeit beim Bundesforum Männer. In seiner Arbeit geht es vorrangig darum, die Vielfalt von Männlichkeit in verschiedenen Lebenslagen und männlich geprägten Gruppen zu ergründen und strukturellen Benachteiligungen solidarisch entgegenzutreten. Er stellte dabei heraus, dass auch Männer unter patriarchalen Strukturen und den bestehenden traditionellen Männlichkeitsnormen leiden. Dies sind Ansätze, die es in der Gleichstellungsarbeit zu bedenken gilt und die neue Möglichkeiten bieten, Männer im Kontext von Gleichstellung mehr einzubinden, wenn sie den Wert von Gleichstellung für sich selbst und ihr Leben erkennen. Er schloss damit ab, dass „moderne Gleichstellungspolitik eine Art des Mannseins schaffen muss, die auch gleichstellungsorientiert ist“ und plädierte dafür, „die Defizitperspektive zu verlassen und Männer als Mitgestaltende in der Gleichstellung zu etablieren“.
Nach der Mittagspause wurde durch die Künstlerin Birte Trabert ein Workshop zum Veto-Prinzip und Status-Training nach Maike Plath angeboten. Im Fokus des Trainings standen praktische Übungen, welche demokratische Prozesse nicht nur theoretisch vermittelten, sondern auch körperlich und unmittelbar erfahrbar machten. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, wie Menschen in Gruppen miteinander Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und gleichzeitig unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen können. Die Teilnehmenden konnten Demokratie nicht nur als abstraktes Konzept, sondern als konkrete soziale Praxis im gemeinsamen Handeln erleben.
Als abschließender Programmpunkt wurde in einer Podiumsdiskussion die Vielfaltsdimensionen Migration und Geschlecht intersektionell betrachtet und praktisch-städtische Perspektiven mit theoretisch-wissenschaftlichen verknüpft. Dr. Sina Freund, Institut für Förderpädagogik, leitete durch die Diskussion mit den Referent*innen Dr. Nele Weiher, Astrid Fries und Vito Contento. Die Podiumsgäste diskutierten über die Bedeutung von Vielfalt, das Verhältnis von Geschlecht und Migration, Fragen der Gerechtigkeit sowie Veränderungspotentiale für Koblenz.
Dr. Nele Weiher vom Arbeitsbereich Politische Wissenschaft am Institut für Kulturwissenschaft repräsentierte vor allem die wissenschaftliche Sichtweise mit Hinblick auf die intersektionale Verknüpfung von Migration und Geschlecht. Sie betonte, dass Vielfalt nicht einfach ein Wert ist, sondern eine Realität innerhalb der Gesellschaft darstellt. Daraus resultiert die Frage, wie Institutionen damit umgehen, wenn Personen aus gewohnten Begriffsrastern herausfallen. Astrid Fries brachte die Perspektive aus dem Innenstadtmanagement der Stadt Koblenz ein, in der feministische Stadtplanung eine wichtige Rolle spielt, um die Altstadt so zu gestalten, dass sich jede und jeder dort wohlfühlen kann. Wichtig hierbei ist es, bestehende Normen zu hinterfragen und zum Perspektivwechsel einzuladen. Vito Contento, einer der ersten italienischen Gastarbeiter in Koblenz und seit Kurzem Träger des Bundesverdienstkreuzes, berichtete aus seiner langjährigen Erfahrung und Tätigkeit im Beirat für Migration und Integration der Stadt Koblenz und beschrieb die Entwicklungen in Koblenz sowie die Bedeutung ehrenamtlichen Engagements. Er erinnerte an Diskussionen um Integration in den 1970ern und verdeutlichte, welche Wirkung Begriffe wie „Ausländer“, „Gastarbeiter“ oder „Migrationshintergrund“ in der Gesellschaft ausüben. Im Kern der Diskussion betonten alle unabhängig voneinander, dass es wichtig ist, Fragen zu stellen, kritisch und auch unbequem zu bleiben, sich einzubringen und mitzuwirken, um den schon entstehenden Fortschritt der Stadt weiter voranzutreiben.
Die Organisation des Fachtags Demokratie lag bei Dr. Jasmin Brötz, Mitarbeiterin der Transferstelle des Fachbereichs Philologie/Kulturwissenschaften, und Saskia Lenz, Referentin der zentralen Gleichstellungsbeauftragten der Universität Koblenz. Unterstützt wurde die Veranstaltung durch die Partnerschaft für Demokratie Koblenz im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und durch das Kultur- und Schulverwaltungsamt der Stadt Koblenz.




