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Der Blick vom Spielfeldrand - Kolumnen

Die Rote Karte
Ein Beitrag von
Prof. Dr. Oliver Dimbath
Veröffentlicht 21.08.2026

Aus Sicht des derzeit entstehenden Forschungsverbunds SpieGelBild besteht die Funktion vieler regelgeleiteter Spiele darin, mit Menschen die mitunter komplizierten Ordnungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens einzuüben. Das Wissen um Spielregeln könnte, so gesehen, nicht allein das Vergnügen gemeinsamen Spielens oder auch nur der Betrachtung eines solchen begründen. Es trainiert über die Summe aller von einem Individuum ‚praktizierten‘ Spiele letztlich das Vertrauen in die Geltung der jedes Zusammenleben garantierenden Ordnung. Im historischen oder kulturellen Vergleich kann dann die Kenntnis der jeweils praktizierten Spiele Auskunft über die Grundformen und Selbstverständlichkeiten des Zusammenlebens vermitteln.

In Zeiten einer sich globalisierenden Weltordnung erhält diese etwa im amerikanischen Pragmatismus eines George Herbert Mead begründete Vorstellung insofern eine besondere Relevanz als globale Spielveranstaltungen – vor allem sportlicher Ausrichtung wie Großturniere oder Olympischer Spiele – nur ‚funktionieren‘, so lange alle Teilnehmenden bereit sind, sich an ein zuvor vereinbartes Regularium zu halten. Zugleich besteht das Vergnügen eines Weltpublikums wesentlich darin, die Regeln zu kennen und die ‚Meisterschaft‘ im Wettkampf sowie ausschließlich in Bezug auf diese Ordnung wertschätzen zu können.

Spiele zwischen sozialen Kollektiven, gleichviel, ob es sich um Schulklassen, Sportvereinsabteilungen, Dorf- bzw. Stadtgemeinschaften oder Nationen handelt, verlagern deren notorische Konfliktlagen in ein außeralltägliches Als-ob (Johan Huizinga); sie simulieren auf symbolischer Ebene die Austragung von Interessenkonflikten in einem zivilisierten und das meint: ungefährlichen Rahmen. Wie ernsthaft eingedenk dieses Als-ob auf die Einhaltung des Reglements Wert gelegt wird, zeigt sich in der Sozialfigur des Spielverderbers, welcher sich der Illusion hingibt, durch Umgehung und Beugung der Regeln letztlich das Spiel, das er durch die Missachtung seiner Regeln zerstört hat, gewonnen zu haben. Ohne hier weiter auf die motivationalen Untiefen des Spielverderbers – sie könnten neben der Täuschung um des Gewinnens willen auch im Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeit bestehen – oder auch die immer weiter fortschreitende Ökonomisierung des Spielens einzugehen, scheint die Infragestellung einer zuvor als geltend abgemachten Ordnung einiges Deutungspotenzial zu bergen. Entscheidend ist im Zusammenhang des Als-ob, dass die faktischen Kräfte- und damit Machtverhältnisse ausgeschaltet sind und der Wettkampf von Stellvertreter:innen real existierender ‚Mächte‘ nach einem von Krieg und Konflikt befreiten – einem begegnerten und dadurch entfeindeten – Reglement durchgeführt wird. Durch die Stellvertretung entsteht ein Als-ob von Politik, dessen Funktion auch darin bestehen kann, vor allem das Publikum von den tatsächlich statthabenden politischen Ingroup- und Outgroup-Prozessen im Sinne einer Ventilsitte (Alfred Vierkandt) ein wenig abzulenken. Zu der Funktion der Einübung von Regelvertrauen kommt also auch die der gemeinsamen Ergötzung am Wettkampf unter Bedingungen einer – vielleicht trotz aller lebensweltlichen Gegensätze – kurzfristig konsensfähigen Ordnung. Brot und Spiele halten das Volk ruhig, und dies selbst dann, wenn die Gladiatoren in ihrem Spiel auf Leben und Tod zu Schaden kommen. Wenn allerdings Regeln gebrochen werden, regt sich der Unmut, wobei, zugegebenermaßen, der Imperator auch gegen den Wunsch des Volkes seinen Daumen heben oder senken konnte.

Unlängst wurde dies in einem Leitartikel der Wochenzeitung Die Zeit vorgeführt. Der Verfasser nahm Bezug auf die Fußballweltmeisterschaft des Jahres 2026, eines durch den Weltverband FiFa zu einem historischen Umfang ausgeweiteten Turniers mit 48 nationalstaatliche Kollektive vertretende Mannschaften. Fußball ist ein komplexes Spiel. Die Durchsetzung seiner Ordnung bedarf vor allem in der Turnierform eines neutralen Dritten. Dieser Schiedsrichter hat die Aufgabe, über die Einhaltung von Regeln zu wachen und Verstöße zu sanktionieren. Für leichtere vorsätzliche Verstöße gibt es Verwarnungen in Form gelber, bei schwerwiegenden Verfehlungen Platzverweise in Form roter Karten. Der Platzverweis zieht, so bestimmt es das Reglement in Turnieren, eine Sperrung des Spielers für die folgende Partie nach sich. Die Mannschaft beendet also das laufende Spiel in Unterzahl und darf den Regelbrecher auch im nächsten Spiel nicht weiter einsetzen. Die letzte Autorität darüber liegt beim Schiedsrichter, dessen Urteil, so sieht es jedes Spiel mit einem solchen Dritten vor, auch über objektive Fehleinschätzungen erhaben ist.

Dass vor allem der Präsident des Fußballweltverbandes den Weltfußball als grundsätzlich unpolitisch begriffen wissen will, ist an sich schon bemerkenswert. Sicherlich kann die Verwandlung des Feindes zum Gegner im Rahmen einer ordnungsgemäß zivilisierten Auseinandersetzung als spielerische Abkehr von der harten politischen Realität gelesen werden. Aber allein aufgrund der mit dem Stellvertretergedanken verbundenen ‚National‘-Mannschaften verliert die Entpolitisierung auch des Spiels an Glaubwürdigkeit. Völlig grotesk allerdings wurde es, als der eine solche Position vertretende – und demokratisch legitimierte – Präsident eines Sportverbandes nicht nur die Regeln des Spiels infolge eines politischen Eingriffs beugte, sondern auch seine eigene Position als gewählter ‚Vertreter‘ durch den Gestus eines Imperators oder wenigstens eines einflussreichen Paten, der im Eigeninteresse virtuos ein Gefälligkeitsmanagement betreibt. All das ließe sich im Sinne einer Theorie der Gabe (Marcel Mauss) weiterspinnen, was aber zu anderem Anlass nachzuschieben ist.

Zunächst bleibt festzuhalten, dass durch die Überschreitung der selbst gezogenen roten Linie im Verhältnis zwischen spielerischem ‚Unernst‘ und realer Politik ein Schaden entstanden ist: ein Schaden am Vertrauen in die Geltung gesellschaftlich auszuhandelnder Ordnung. Im Geiste der diskursethischen Hoffnung auf verständigungsorientiertes oder gar kommunikatives Handeln (Jürgen Habermas) ist das angesichts der gegenwärtig so gewaltlüsternen Weltlage vermutlich eine Katastrophe.