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Der Blick vom Spielfeldrand - Kolumnen

Das Mondfisch-Spiel der Orcas
Ein Beitrag von
Prof. Dr. Oliver Dimbath
Veröffentlicht 21.08.2026

Der verhaltenswissenschaftlich vorsichtige Sozialwissenschaftler bleibt – sensibilisiert durch das regelmäßige Nachdenken auch über die ‚Natur‘ des Spielens gelegentlich auch an Überschriften in der Tagespresse hängen. So findet sich im Wissensteil der Süddeutschen Zeitung am 27. Juli 2026 (Ausgabe Nr. 170, S. 12) ein Beitrag von Hanno Charisius, überschrieben mit ‚Orcas zerlegen in Teamarbeit tote Mondfische‘. (Onlinebeitrag der SZ vom 23.07.2026)

Über Orcas – also Schwert- oder Killerwale, bekannt aus Film und Fernsehen („Free Willy“ etc.), wird ambivalent berichtet. Sie seien schlau und sozial, weil sie offenbar arbeitsteilig und in Gruppen jagen und Meeresbiolog:innen immer wieder mit ihrer Fähigkeit zur Kooperation beeindruckten. Bekannt ist auch, dass sie als mittelgroße Zahnwale („Killer“) Raubtiere sind und obendrein aus bisher unerfindlichen Gründen Segelboote angreifen.

An die Befassungen in SpieGelBild denkend gibt der Haupttitel des Beitrags nichts her, wohl aber der Untertitel. Dort heißt es: „Taucher filmen, wie die Zahnwale die Fischkadaver rammen. Ist das nur ein Spiel oder steckt mehr dahinter?

Weil die kulturwissenschaftliche Fundierung im Forschungsverbund SpieGelBild ‚natürlich‘ weiß, dass die Tätigkeit des Spielens nicht der Gattung Mensch vorbehalten ist, irritiert nicht der Befund, sondern die Konstruktion der freilich suggestiv gemeinten Frage: Es ist klar, dass ‚mehr dahintersteckt‘. Misslich scheint nur, dass hier die Tätigkeit des Spiels eigentlich als nutzloser Zeitvertreib diskreditiert zu werden scheint. ‚Nur ein Spiel‘ erinnert an unernstes Tun im Sinne der Infantilisierung eines beobachteten Verhaltens. Übersehen wird dabei, dass, selbst wenn das Spielen den Heranwachsenden vorbehalten wäre, es ‚natürlich‘ seine Funktion hat. Und hier beruhigt der Verfasser die argwöhnisch gewordenen (Weiter-)Lesenden im Fortgang seiner Darstellung. Ein erwachsener Wal hält den toten Mondfisch locker im Maul. Ein anderer Wal rammt ihn mit großer Wucht, woraufhin der Kadaver birst und die Jungtiere der Orca-Gruppe das sich im Meer verteilende Fleisch verzehren können.

Wie die Meeresbiolog:innen oder der Verfasser des Zeitungsartikels allerdings darauf kommen, dass es sich hier um ein Spiel der Wale handeln könnte, ist nicht nachvollziehbar. Die Erwachsenen nutzen eine Technik der Nahrungsbeschaffung, da die Außenhaut des Mondfisches offenbar vor allem für jüngere Schwertwale nicht genießbar ist. Menschen spielen nicht, wenn sie auf der Jagd ein Reh erschießen oder auch nur einkaufen gehen. Die Kinder lernen trotzdem entsprechende Techniken. Was die Meeresforscher:innen gefilmt haben, war also kein Spiel, sondern ein Hinweis auf Teamfähigkeit der Orcas. Um ein Spiel würde es sich gehandelt haben, wenn der tote Mondfisch nicht Nahrung, sondern ein reines Übungsobjekt für das ‚Knacken‘ anderer ‚Nüsse‘ gewesen wäre – und wenn die jungen Wale die Technik des ‚Knackens‘ mit allem möglichen unnützen oder besser ungenießbarem Zeug geübt hätten.

Zum Weiterlesen:
Ayres KA, Gallagher AJ, Avena CV, Duarte CM and Higuera Rivas JE (2026) Fragmentation of sharp-tail sunfish (Masturus lanceolatus) caused by high-impact ramming behavior in orcas (Orcinus orca). Front. Ethol. 5:1835536. doi: 10.3389/fetho.2026.1835536