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Der Blick vom Spielfeldrand - Kolumnen

Was der Blick ins Spieleregal verrät
Ein Beitrag von
Prof.in Dr.in Wiebke Waburg
veröffentlicht am 14.09.2026

Mein Spieleregal verändert sich. Das ist zunächst einmal nichts Ungewöhnliches – jedenfalls nicht für Menschen, die gerne Brettspiele spielen. Ungewöhnlicher ist, was dort in letzter Zeit einzieht. Zwischen den eher komplexeren Spielen, zu denen ich selbst gerne greife, finden sich plötzlich Verfuxt!, Top die Torte, Clever Junior, MicroMacro Kids und Cascadia Junior. Schuld daran ist ausnahmsweise nicht allein meine Begeisterung für Brettspiele. Schuld ist die Forschung.

In meinem Teilprojekt im Potenzialbereich „SpieGelBild“ beschäftige ich mich mit dem Spielen in Familien. Genauer interessiert mich, wie beim gemeinsamen Brettspielen Familie hergestellt wird – „Doing Family while playing board games“ lautet der Arbeitstitel. Und weil ich zwar Brettspielerin und Spielforscherin bin, aber keine Kinder habe, beginne ich gerade, mir eine Spielwelt zu erschließen, die mir weniger vertraut ist als manches umfangreiche Regelheft. Ich lese Empfehlungen, stöbere in Spieleläden, frage Freund*innen und Kolleg*innen mit Kindern – und kaufe Spiele.

Der Blick vom Spielfeldrand fällt in diesem Fall also zunächst auf mich selbst. Denn beim Blick auf meine Neuerwerbungen merke ich, dass ich nicht nur neue Spiele sammle. Meine Auswahl verrät auch einiges über meine eigenen Vorstellungen vom Spielen in Familien. Was genau suche ich eigentlich, wenn ich nach „Familienspielen“ suche? Welche Familie stelle ich mir dabei vor? Und sollen die Spiele vielleicht vor allem auch mir gefallen?

Letzteres scheint nicht ganz unwahrscheinlich. Eigentlich wollte ich mein bisheriges, eher von komplexeren Spielen geprägtes Repertoire um Spiele für Familien mit Kindern erweitern. Und was kaufe ich? Wieder Spiele, die ich interessant, ästhetisch ansprechend und spielerisch anspruchsvoll finde. Spiele mit originellen Mechanismen, schönem Material und dem Versprechen, dass auch Erwachsene Freude daran haben. Offenbar lässt sich die Brettspielerin in der Forscherin nicht so leicht überlisten. Und vielleicht sollte sie das auch gar nicht. Denn wer sich wissenschaftlich und pädagogisch mit Spielen und Spielzeug beschäftigt, kann Spiele nicht nur aus Katalogen, Beschreibungen und Regelheften kennen. Heimlich (2023, S. 269) zählt zu den Kompetenzen von Spielpädagog*innen nicht nur, selbst spielen zu können, sondern sich auch der eigenen Spielbiografie bewusst zu sein. Das scheint mir beim Blick auf mein Spieleregal durchaus bedenkenswert. Spiele wollen in die Hand genommen, Materialien betrachtet, Regeln ausprobiert und Mechanismen verstanden werden. Vor allem aber: Sie wollen gespielt werden.

Das bringt mich allerdings in eine gewisse Schwierigkeit. Denn mit dem Kauf von Top die Torte habe ich zwar Top die Torte. Ich weiß aber noch nicht, mit wem ich es spielen soll. Mein bisheriges Spieleumfeld ist eher an Spiele gewöhnt, für die man gerne mehrere Stunden reserviert. Wie überzeuge ich diese Menschen nun von Verfuxt!? Spiele ich MicroMacro Kids mit erwachsenen Freund*innen? Oder muss ich mein bisheriges Spieleumfeld nun ebenfalls erweitern? Und was lerne ich eigentlich über ein Spiel für Familien, wenn ich es mit anderen Erwachsenen spiele?

Vielleicht beginnt Spielforschung genau mit solchen vermeintlich banalen Fragen. Denn eine Spieleschachtel im Regal ist zunächst einmal noch kein gespieltes Spiel. Erst wenn Menschen die Schachtel öffnen, das Material verteilen, Regeln lesen und interpretieren, anfangen zu spielen, lachen, diskutieren, gewinnen wollen oder irgendwann keine Lust mehr haben, entsteht eine konkrete Spielsituation. Das Spiel als Gegenstand zu kennen, ist also das eine. Zu beobachten, was Menschen daraus machen, etwas anderes.

Und noch etwas fällt beim Blick auf meine Neuerwerbungen auf: Viele dieser Spiele sind nicht billig. Gemeinsames Brettspielen setzt nicht nur Geld und Platz voraus, sondern auch Zeit, Interesse und die Bereitschaft, sich auf neue Regeln einzulassen. Auch diese Form gemeinsamen Spielens ist also an Voraussetzungen gebunden.

Damit bin ich doch wieder bei „Doing Family“. Der Begriff verweist darauf, dass Familie nicht einfach ist, sondern im Alltag durch gemeinsame Praktiken immer wieder hergestellt wird (vgl. Jurczyk 2014). Betreibe ich beim Spielekauf also schon „Doing Family“? Nicht ganz. Schließlich stelle ich beim Kauf von Cascadia Junior keine eigene Familie her. Aber offensichtlich denke ich Familie. Und zwar eine ziemlich bestimmte: eine Familie, die gemeinsam am Tisch sitzt, Interesse an neuen Spielen hat, Zeit miteinander verbringt und über die Ressourcen verfügt, die diese Form des Spielens voraussetzt.

Umso gespannter bin ich darauf, welche Spiele mir Familien selbst zeigen werden. Schon die Rede von „Familien“ erinnert daran, dass sich dahinter sehr unterschiedliche Konstellationen, Lebenslagen und Alltage verbergen – und vermutlich ebenso unterschiedliche Spielpraktiken. Vielleicht stehen dort ganz andere Spiele im Regal. Vielleicht gibt es gar kein Spieleregal. Vielleicht wird jeden Sonntag gespielt oder nur an Weihnachten, vielleicht zu zweit, zu fünft oder mit Menschen, die gar nicht zur Familie gehören. Vielleicht wird auch überhaupt nicht gespielt. Und vielleicht wird etwas zum Familienspiel, das auf keiner Bestenliste für Familienspiele auftaucht.

Während ich mich durch das Angebot an Spielen für Familien bewege, fällt mir noch etwas auf: Überall begegnen mir Junior-Versionen bekannter Spiele. Cascadia Junior steht inzwischen selbst in meinem Regal. Aber da sind auch Carcassonne Junior, CATAN Junior, Labyrinth Junior und Andor Junior. Habe ich dieses Phänomen bisher einfach übersehen?

Und schon ist die nächste Frage da: Was passiert eigentlich, wenn ein Spiel „Junior“ wird? Welche Regeln verschwinden, welche bleiben? Was verändert sich an Gestaltung, Geschichte, Spieldauer und Spielmechanik? Was wird einfacher – und was vielleicht nur anders? Vor allem aber: Welche Vorstellungen darüber, was Kinder können, mögen oder ihnen zuzumuten ist, stecken in diesen Veränderungen?

Eigentlich wollte ich nur ein paar Spiele für mein Forschungsprojekt kaufen. Und schon steht die nächste Forschungsfrage im Spieleregal.

Quellen

Heimlich, U. (2023): Einführung in die Spielpädagogik. 4., aktualisierte Auflage. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. https://doi.org/10.36198/9783838560632

Jurczyk, K. (2014). Doing Family – der Practical Turn der Familienwissenschaften. In A. Steinbach, M. Hennig, & O. Arránz Becker (Hrsg.): Familie im Fokus der Wissenschaft (S. 117–138). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-02895-4_6